Die ehemalige Synagoge in Kippenheim

Vom Gotteshaus zur Gedenkstätte

Ein Baudenkmal von besonderer architektur- und kulturhistorischer Bedeutung ist die ehemalige Synagoge im mittelbadischen Kippenheim. Ihr Wiederaufbau in den 1980er Jahren wurde durch den Einsatz des Kirchenbezirks Lahr maßgeblich unterstützt. Heute spiegelt das Gebäude nicht nur die Geschichte jüdischen Lebens in Baden; ein reiches Führungs- und Veranstaltungsprogramm – u.a. in Kooperation mit der Landeskirche – macht die Synagoge gleichzeitig zu einem lebendigen Kulturforum und einem Ort interreligiöser Begegnung.

In unserer täglichen Wahrnehmung erscheinen jüdische Gotteshäuser eher selten. Dabei haben sie bis zur Machtergreifung Hitlers unsere Orts- und Stadtbilder mitgeprägt. Auch in der Ortenauer Gemeinde Kippenheim gab es jüdisches Leben. Die drei dort im Verlauf der Geschichte nachweisbaren Synagogen stehen exemplarisch für die Bemühungen der Juden um gesellschaftliche Integration und Bewahrung ihrer Traditionen.

Das war zu keiner Zeit einfach. Bei der ersten, um 1750 genannten Kippenheimer Synagoge, wird es sich um einen in einem Privathaus untergebrachten Betsaal gehandelt haben, da zu dieser Zeit der Bau von Synagogen untersagt war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen sich die Lebensbedingungen der Juden zu verbessern. Diese Entwicklung fand ihren Ausdruck in der um 1800 erbauten zweiten Kippenheimer Synagoge, einem nun selbständigen Synagogengebäude. Seine Topografie und Bauweise spiegelten den minderen gesellschaftliche Status der Juden wieder: Es war ein schlichter, abseits der Ortsmitte im sogenannten „Judengässle“ gelegener Fachwerkbau. Die Aufwertung des Judentums als anerkannte Religionsgemeinschaft durch das 1806 gegründete liberale Großherzogtum Baden und andere rechtliche Verbesserungen, weckten schließlich bei den Kippenheimer Juden den Wunsch nach einer repräsentativen Synagoge. Entsprechend ihrer neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung verlegten sie den Standort ihrer dritten Synagoge vom Ortsrand in die Dorfmitte.

Mit der Planung des 1852 eingeweihten Gebäudes beauftragte sie Georg Jakob Schneider. Für den (evangelischen) Architekten war dies sein erster Synagogen-Neubau, im Anschluss an die Kippenheimer Synagoge plante er fünf weitere. Die Landsynagogen Müllheim, Rust, Ihringen und Altdorf und die Freiburger Synagoge tragen deutlich die Handschrift ihres Erbauers. G. J. Schneider hatte dem damals vorherrschenden klassizistischen Weinbrenner-Stil bereits während seiner Ausbildungszeit abgeschworen. Er stand unter dem Einfluss Heinrich Hübschs, welcher am Karlsruher Polytechnikum den Rundbogenstil lehrte. Die Kombination von Elementen des Rundbogenstils mit Elementen der Romanik ergab die Neoromanik, welche sich nach 1840 zu dem Synagogenstil des 19. Jahrhunderts schlechthin etablieren sollte.

Die Kippenheimer Synagoge ist im Stil der expressiven Neoromanik gebaut. Sie hebt sich durch ihre repräsentative Bauweise deutlich von der Nachbarbebauung aus giebelständigen Satteldächern ab. Die Doppelturmfassade zur Hauptstraße ist eingerückt, dadurch bleibt zwischen Straße und Eingang Platz für einen kleinen Vorhof. Die Maßwerkrosette über dem Portal zeigt einen sechseckigen Stern. Darüber sind auf der Giebelspitze zwei Gesetzestafeln angebracht, auf denen ursprünglich die in Gold gefassten Zehn Gebote eingraviert waren. Das Motiv der Gesetzestafeln wird im Bereich der Turmzinnen „en miniature“ wiederholt. Wie bei öffentlichen Bauten damals üblich wurden zwei Sorten Sandstein verwendet, ein heller für die Fassadenflächen und ein roter Stein für die Architekturelemente Friese, Strebepfeiler, Rosette und Fenstergewände. Das Mittelportal ziert eine Inschrift aus hebräischen Schriftzeichen, übersetzt „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes“, ein Bekenntnis des Selbstverständnisses der Juden, die sich in dieser Zeit als Deutsche unter Deutschen verstanden. Die Innenwände wurden reich ornamentiert. Das Deckengewölbe der Vorhalle trägt einen blauen sternenübersäten Himmel. Die in Schablonentechnik ausgeführten Wandmalereien des Betsaals sind heute noch stellenweise sehr gut sichtbar. Mit ein wenig Fantasie kann sich der heutige Besucher den damaligen festlichen Eindruck eines hohen lichtdurchfluteten Raums in warmen Braun- und Grüntönen, der abends durch drei große Kronleuchter beleuchtet wurde, vorstellen.

Im November 1938 entweihten die Nationalsozialisten die Synagoge, verbrannten die Ritualgegenstände und demolierten die Inneneinrichtung. Aus Angst vor einem Übergreifen des Feuers auf die Nachbargebäude wurde der bereits ausgelegte Brandsatz gelöscht. So blieb das Gotteshaus in seiner äußeren Form erhalten. Erst 1956, nachdem eine landwirtschaftliche Genossenschaft das Haus erworben hatte, folgten die einschneidenden und unbegreiflichen Eingriffe in die Fassade: obwohl nur Futtermittel im Innenraum gelagert werden sollten, wurden beide Türme abgebrochen, die Rosette vermauert und die Rundbögen der Fenster als solche unkenntlich gemacht. Zum Segen für das Gebäude, welches zwischenzeitlich den Status „Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung“ erhielt, wurde es im Jahr 1983 von der politischen Gemeinde erworben. Während der anschließenden Außensanierung erhielt die Fassade ihren ursprünglichen Zustand zurück.

Seit 1996 bemüht sich der „Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim“ um den Erhalt des Gebäudes. Im Frühjahr 2003 wurden aufwändige Renovierungsarbeiten aufgenommen, die im September 2003 abgeschlossen werden konnten. Das Gebäude gibt nun wieder den ursprünglichen sakralen Raumeindruck wieder. Unter anderem wurden die Zwischendecke aus den Jahren der Nutzung als Futtermittellager herausgenommen, neue Emporen an der originalen Stelle eingezogen und die Wandmalereien gesichert. Doch achtete man auch darauf, die Spuren der späteren Nutzung sichtbar zu lassen. So sind die noch frischen Schnittstellen der Balkenenden als Zeitzeugen an den Stellen zu sehen, wo die Zwischendecke an die Emporen stieß. Für einige Aufregung sorgte während der Bauarbeiten die Entdeckung des Ritualbads im Keller unter der Vorhalle.

Als Gottesdiensthaus wird die ehemalige Synagoge vermutlich nicht wieder dienen. Vielmehr ist eine Nutzung als gut zugängliche Gedenkstätte mit einem differenzierten Kulturprogramm aus Führungen, Ausstellungen, Lesungen und Konzerten, vorgesehen.

(Dipl.-Ing. Annabel Rogge, Kirchenbauamt)


Buchtipp
„Dies ist nichts als das Haus Gottes“. Führer durch die ehemalige Synagoge Kippenheim, Hg.: Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim e. V., verlag regionalkultur 2012, 32 Seiten, 5 Euro, ISBN 978-3-89735-701-3



www.ehemalige-synagoge-kippenheim.de
de.wikipedia.org/wiki/Synagoge_(Kippenheim)

 

 

Ihr Weg zur Synagoge

 
Für Navigationsgeräte
Poststraße 17
77971 Kippenheim