Die Stadtkirche in Walldorf

Eine Kirche für Jahrhunderte

Im Jahre 1868 schrieb eine Stuttgarter Zeitung: "Die neuerbaute Evangelische Kirche in Walldorf zeichnet sich durch edlen Stil und Einfachheit aus. Sie ist offenbar die schönste Kirche der ganzen Gegend."

Dieser Kirchenneubau wurde notwendig, als sich 1821 die lutherische und reformierte Kirche in Baden zu einer Kirchenunion zusammenschlossen. Der Raum in der ehemaligen reformierten Kirche war nun viel zu klein geworden. Im Jahre 1841 zählte die Evangelische Kirchengemeinde Walldorf 1332 Mitglieder. So gründete der damalige Pfarrer Peter Schütz 1842 einen Baufond für den Neubau einer Kirche. Doch erst unter seinem Nachfolger - Pfarrer Heinrich Roos - konnte der Kirchenneubau beginnen. In einem Brief von Pfarrer Roos an die Kirchenbauinspektion Heidelberg heißt es: "Es war uns leitender Gedanke, eine Kirche, welche nicht auf Zeit, sondern für Jahrhunderte erbaut wird, wenn irgendmöglich, an eine Stelle zu bringen, wo sie der Mehrzahl der Bevölkerung sichtbar und zugleich eine Zierde für unseren Marktflecken wäre, sie also nicht in einer Seitengasse, sondern auf die Hauptstraße zu bauen (...) Sie kommt auf einen Knotenpunkt zu stehen, wo alle Straßen (...) sich drängen."

Der als Architekt beauftragte Bauinspektor Ludwig Franck aus Heidelberg entwarf in seinen Bauplänen eine neugotische, dreischiffige Kirche mit einem schlanken Glockenturm. Im August 1856 begann man mit den Grabungs- und Fundamentarbeiten, im Sommer des darauf folgenden Jahres mit dem Bau des Kirchengebäudes. Am 16. Juni 1858 wurde in einer großen Feier der Grundstein in den Eingang des Hauptportals gelegt. Als Hausteine verwandte man gelben Sandstein, der aus einem Steinbruch bei Eppingen gebrochen wurde. Am 18. Dezember 1861 konnte die Kirche feierlich eingeweiht werden. In der Weiherede sagte der damalige Dekan: "Dieses schöne Haus sei der Gemeinde ein mahnendes Sinnbild. Sein ganzer Bau mit seinen altdeutschen Formen, seinen zwölf Säulen und dem (...) himmelanstrebenden Turme sei für die Gemeinde ein Prediger, der sie aufwärts zum Himmel weist."

50 Jahre nach der Einweihung der Kirche erfolgte ihre erste große Renovierung. Im Jahre 1909 wurde der Kirchenraum mit floralen Mustern weiter ausgestaltet. Außerdem wurden die Fenster in den Spitzbögen farblich gestaltet. Auch die beiden Farbfenster mit den Portraits der Reformatoren (links: Martin Luther; rechts: Johannes Calvin) stammt aus dieser Zeit. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren entwickelte sich ein sehr nüchterner Baustil. Dieser neue baugeschichtliche Zeitgeist bestimmte das Konzept der zweiten großen Renovierung von 1965. Die farbige gotische Raumgestaltung wurde entfernt oder übertüncht.

Als dreißig Jahre später wieder eine grundlegende Renovation notwendig wurde, entschloss sich der Kirchengemeinderat in Abstimmung mit den Restauratoren und dem Denkmalamt, die farbige Ausgestaltung von 1909 in reduzierter Weise wieder zu rekonstruieren. Die farbigen Ausgestaltungen des Altarraums, der Säulenkapitelle, der Schlusssteine und der Kanzel basieren auf historischen Befunden aus dem Jahr 1909. Mit dieser Renovation, die unter der Bauleitung des Walldorfer Architekten Philipp Weisbrod stand, wurde gezielt der gotische Charakter der Kirche wieder verstärkt. Am 1. Advent 1996 wurde die Kirche in einem festlichen Gottesdienst von der Prälatin Ruth Horstmann Speer, den Vorsitzenden des Kirchengemeinderats Erich Dufner und seiner Nachfolgerin Ursula Bruckner, sowie den beiden Ortspfarrern Bernd Höppner und Thomas Löffler in ökumenischer Begleitung durch den katholischen Pfarrers Dieter Nesselhauf wieder eingeweiht.

Zum Baustil der Kirche

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts fand die Gotik im Kirchenbau eine neue Beachtung. Sie entsprach dem damaligen religiösen Gefühl. Aus diesem kulturellen und religiösen Zeitgeist entwickelte sich auch die Konzeption für eine neugotische Kirche in Walldorf. Der neugotische Stil ist streng und mit einheitlicher Klarheit durchgeführt. Die architektonische Harmonie ist trotz verschiedener Renovierungen bis heute erhalten geblieben. Die Evangelische Kirche Walldorf ist eine nach Osten ausgerichtete dreischiffige Hallenkirche, an die sich ein Chor- oder Altarraum anschließt. Die Struktur des Raumes ist auf den erhöhten Altarraum ausgerichtet. Dieser ist in der Farbgebung und Ornamentik am reichhaltigsten ausgestaltet. Typisch für den gotischen Baustil ist der in die Höhe strebende Raum mit den mächtigen lang gestreckten Säulen, die ein Bogengewölbe tragen, das mit kreuzförmigen Rippen durchzogen ist. Vielleicht soll im mächtigen Raumgefühl des gotischen Kirchenbaus die Majestät Gottes symbolisiert werden. Das gotische Gewölbe ruht auf 12 Säulen. Man nennt sie "Bündelpfleiler", weil man den Eindruck hat, als seien viele kleine Säulen zu einem Säulenstrang zusammengebündelt. Die oberen Enden der Bündelpfeiler (Kapitelle) sind mit Eichenblattornamenten versehen. Das Säulenkapitell bildet den homogenen Übergang von den Bündelpfeilern zu den Kreuzrippen des Gewölbes.

Die Kreuzrippen streben auf einen Schlussstein zu, der mit Ornamenten bemalt ist. Der Schlussstein, der das Gewölbe, oder anders gesagt "die Kirche" zusammenhält, symbolisiert Jesus Christus. Der Blick nach oben hin zu den Schlusssteinen ist im übertragenen Sinne ein Blick hin zu Christus. Dieser Kirchenraum lädt uns ein, auf das Evangelium zu hören, Christus neu wahrzunehmen in der Feier des Gottesdienstes. Auch die farbliche Gestaltung der Schlusssteine hat Symbolcharakter: Das Grün und das Braun sind die Farben des Wachsens und Reifens durch die Segenskraft der Schöpfung Gottes; das Rot ist die Farbe der Liebe und des Heiligen Geistes; das Blau ist die Farbe des Himmels und der göttlichen Wahrheit.

Die hohen Wandflächen sind von großen hellen Maßwerkfenstern durchbrochen, die sich nach oben in einem für die Gotik typischen Spitzbogen verjüngen. In den Spitzbögen wurden die Fenster mit farbigen figürlichen Motiven ausgestaltet.

Nur das Mittelfenster im Altarraum ist als "Blindfenster" mit einem Gemälde versehen. Das Gemälde mit der Darstellung "Christus am Kreuz" stammt von dem Maler Settegast aus der Gründungszeit der Kirche (siehe dazu die Ausführungen "Zum Altarbild"). Die hohen Fenster machen die Kirche zu einem lichterfüllten Raum. Die große Transparenz für das Sonnenlicht ist ein Gleichnis für das Wort Gottes, das uns Menschen erhellen soll. Das Spitzbogenmuster der Fenster ist als Gestaltungselement u.a. am Altar, am Taufstein, an der Kanzel und an den Stirnseiten der Bänke weitergeführt worden.

Der 58m hohe Kirchturm bestimmt noch heute zusammen mit dem Turm der katholischen Kirche St. Peter die Silhouette der Stadt. Der von weit her sichtbare neugotische Bau hat das Freiburger Münster zum Vorbild. Wie in Freiburg setzen sich die vielfach gestuften Strebepfeiler nach oben hin in Fialen fort. Ein weiteres typisches gotisches Bauelement sind die Ziergiebel und die acht offenen spitzbogigen Turmfenster. Ursprünglich krönte die Turmspitze eine Kreuzblume. Im Zuge der Renovierungsarbeiten im Jahre 1960 wurde die Kreuzblume abgenommen und durch einen goldenen Wetterhahn, das Symbol der Wachsamkeit, ersetzt. In architektonischer Eleganz erstreckt sich der Turm von einem Viereckgrundriss hin zu einem Achteck im Turmhelm.

Auf der Empore befindet sich die Orgel mit 34 Registern. 1965 wurde sie von Firma Steinmeyer fertig gestellt. Diese Orgel zählt zu den besten im ganzen Rhein-Neckar-Kreis. So schön ein Kirchenraum auch sein mag, er ist "nur" Mittel zum Zweck. Das Wesentliche ist nicht das Kirchengebäude an sich, sondern seine Funktion als geschützter Raum mit spiritueller Atmosphäre für die persönliche Besinnung und den Gottesdienst der Gemeinde.

Das Altarbild

Das Wandgemälde mit dem gekreuzigten Christus in der spitzbogigen Fensterform hinter dem Altar geht auf die Schenkung eines Walldorfer unbekannten Gemeindemitgliedes im Jahr 1854 zurück. In seiner Schenk- und Stiftungsurkunde bestimmte der Stifter 80 Gulden für die Anfertigung eines Christusgemäldes. Der Kirchengemeinderat kam diesem Wunsch nach und beauftragte durch die Kirchenbauinspektion Heidelberg den Koblenzer Maler Joseph Anton Settegast (1813 - 1890) mit der Ausführung. Settegast, ein Schüler der Düsseldorfer Kunstakademie, hatte sich bereits einen Namen gemacht durch seine Wandgemälde in der Kreuzkirche in Ehrenbreitstein, in der ehemaligen Franziskanerkirche in Düsseldorf, in der Castorkirche in Koblenz und im Mainzer Dom. 1860 schuf er für 600 Gulden - 118 Gemeindemitglieder spendeten die restliche Summe - das Gemälde in der Kirche in Walldorf, das im Allgemeinen Lexikon der bildenden Künstler von Thieme-Becker angeführt ist.

Settegasts Bestreben war es, das Ideal des ewig Schönen in der ersten religiösen Kunst zu erfassen. "Sein innig frommer und gläubiger Sinn verlangte nach (...) idealen Gestalten." In seinem Walldorfer Wandgemälde "Christus am Kreuz" ist der Idealtyp des Gekreuzigten dargestellt. Dem Betrachter erscheint die Szene zunächst oberflächlich und unkompliziert einfach behandelt zu sein. Dennoch weist sie eine Passionssymbolik auf, der es nachzugehen lohnt. Der Gekreuzigte ist an das Kreuz in lateinischer Form geschlagen. Das Kreuz steht auf einem kleinen Erdhügel. Der Hügel teilt die Symbolik des Berges, der die Verbindung zwischen Himmel und Erde ist. Der Totenschädel davor ist Attribut der Vergänglichkeit alles Irdischen. Der Schädel verweist nicht auf die Schädelstätte Golgatha, sondern auf den Schädel Adams.

Nach der Legende ist das Kreuz Christi auf dem Grab Adams errichtet worden. Damit soll die spannungsvolle Kontinuität zwischen dem ersten und zweiten Adam angedeutet werden. Das Charakteristische an dem Christusgemälde ist die in gelb - Farbe der Ewigkeit - gehaltene Mandorla, der mandelförmige Lichtschein, der den Christus "in Majestät" umgibt. Das göttliche Licht soll die Gegenwart Gottes offenbaren. Die Mandel stellt das Sinnbild des Inneren, der inneren Erleuchtung dar. Der Mandelbaum ist für Israeliten das Symbol neues Lebens (siehe Jeremia 1,11f). Eine dunkelrote Scheibe als Nimbus Christi umgibt dessen Haupt, mit der Dornenkrone bedeckt. Aus Hand-, Brust- und Fußwunden fließt das Blut Christi als sinnfälliges Zeichen der Erlösung. Ein Tuch ist um die Lenden gegürtet und an der rechten Seite geknotet.

Auf dem senkrechten Kreuzbalken steckt ein Schild mit der Inschrift "INRI" - den Anfangsbuchstaben Iesus (Jesus) Nazarenus Rex Iudaeorum, (Jesus von Nazareth, König der Juden). Die lateinische Fassung der Inschrift ließ Pontius Pilatus nach Johannes 19,19 am Kreuz Jesu als Kreuztitel anschlagen. Sandsteinernes Maßwerk schmückt den oberen Teil unter dem Spitzbogen. Im Vierblatt sitzt ein gemalter Pelikan. Er ist Symbol des gekreuzigten Christus, im besonderen der sich selbst aufopfernden Vaterliebe. Ursprünglich stand unter dem Gemälde der Spruch: "Das tat ich für dich - was tust du für mich?" Diese Worte wurden 1965 überstrichen.

Die Eingangstür

Im Rahmen der Sanierung in den Jahren 2007 bis 2009 sollte das zentrale Eingangsportal am Fuße des Kirchturms als künstlerisch gestaltete Türanlage erneuert werden. Hierbei wurde der Wunsch geäußert, dass infolge des Austauschs des Portals möglichst viel Tageslicht in den Kirchenraum dringen sollte.

Die Kirche wurde wenige Jahrzehnte nach der Vereinigungssynode der Landeskirche in Karlsruhe von 1821 erbaut, in deren Folge auch in Walldorf die lutherische und die (calvinistisch) reformierte Gemeinde in der neu gegründeten evangelisch-protestantischen Kirchengemeinde aufgingen.

Angesichts der spezifischen Geschichte der Gemeinde und ihres Kirchengebäudes lag es nahe, nicht das Bild, sondern das Wort als Ausgangspunkt der künstlerischen Gestaltung des Portals zu wählen. Hierfür wurden Textpassagen - Zitate zweier grundlegender Bekenntnisschriften der lutherisch-calvinistischen Tradition, die für die beiden vereinten konfessionellen Richtungen stehen - verwendet.

 
 
 

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