Die ökumenische Flurkapelle in Bödigheim

Ein introvertierter Raum für Andacht und Stille

Die ökumenische Flurkapelle steht auf einer Anhöhe zwischen den Ortschaften Seckach, Großeicholzheim und Bödigheim. Das Bauwerk ist weithin sichtbar, kann jedoch nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad über einen steilen Feldweg erreicht werden. Die Kapelle orientiert sich in der Raumfolge am biblischen Tempel Salomon und in der einfachen Form an den noch heute in der Umgebung anzutreffenden traditionellen Tabakscheunen.

Flurkapelle Bödigheim
Blick in den Turm der hölzernen Flurkapelle
Außenansicht der Kapelle in Holzkonstruktion
Neun Architekturstudenten des Illinois Institute of Technology (IIT) entwarfen die Kapelle unter Leitung von Prof. Flury. In ihren Semesterferien kamen sie schließlich nach Bödigheim, um unter tatkräftiger Mithilfe aus der Gemeinde die Kapelle - in lediglich acht Wochen - selbst zu errichten. Ecker Architekten (Buchen/Heidelberg) waren die Kontaktarchitekten vor Ort, die für die Baugenehmigung verantwortlich zeichneten und gemeinsam mit den Studenten die Werk- und Detailplanung entwickelten. Am 25. Juli 2009 nahmen schließlich über 400 Menschen an der offiziellen Einweihung und Segnung  teil.
 
Entwurfsziel war, einen Ort der Spiritualität zu gestalten. Professor Flury formulierte die Aufgabe für die zwölf Studenten, die aus Alabama, Alaska, Kalifornien, Florida, Idaho, Illinois, Tennessee und China stammen wie folgt: „Die Flurkapelle soll ein konfessionsübergreifender Raum sein, ein Raum für Menschen, die auf der Suche nach Gott sind und einen Ort der Stille suchen. Dieser Ort soll aber auch Wanderer und Radfahrer willkommen heißen, die einen schönen Rastplatz schätzen."
 
Die Studenten entwickelten Außenanlagen und Gebäude als logische Raumfolge im Zusammenspiel: Bei der Ankunft am Grundstück führt ein enger Fußweg zwischen der bestehenden Hecke und der schlichten Turmfassade zu einem kleinen Vorplatz, der auf zwei Seiten von massiven Quadern aus regionalem Muschelkalk begrenzt ist. Dieser Vorplatz stellt den weltlichen Bereich dar. Ein Podest aus Klinkern erhebt sich von diesem Vorplatz. Dieses Podest stellt den Übergang vom Weltlichen zum Göttlichen dar. Von diesem erreichen Besucher einen von vier geschlossenen Wänden umgebenen Vorraum. Umgeben von Holz gibt es im Vorraum nur den Blick empor in den Himmel und zum neun Meter hohen Turm, der die eigentliche Kapelle birgt. "Vorraum und Kapelle liegen im Meer des Glaubens", so die Studenten. "Das Weltliche und das Göttliche berühren einander, sind miteinander verbunden."

Der neun Meter hohe Turm des Gebäudes wirkt von außen transparent und durchscheinend. Innen jedoch ist der Turm vollständig geschlossen: Ein introvertierter Raum der Andacht und Ruhe, der keinen Blick nach außen zulässt
 
Die Abstände der Lamellen untereinander werden nach oben mit wachsendem Abstand vom geschlossenen Sockel größer. Diese Einteilung lässt den Turm höher erscheinen und führt zu einem bemerkenswerten Spiel von Licht und Schatten, das sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln stark variiert. Bei der Betrachtung über Eck ergibt sich aufgrund des Moiré-Effektes der Lamellen eine parabelförmige Geometrie. Diese von außen sichtbare Offenheit ist jedoch im Inneren der Kapelle nicht erkennbar – der Raum wirkt vollständig geschlossen. Der Abstand der Lamellen untereinander erscheint im Innenraum beim Blick nach oben durch die perspektivische Wirkung genau gleich. Dies macht die Distanz nach oben nicht messbar. Diese Verfremdung der perspektivischen Wirkung transformiert die Kapelle zu einem abstrakten Körper. Dieser ist gleichzeitig intim und doch grenzenlos. Bei niedrigem Sonnenstand wirft der Turm eindrucksvolle Schatten auf die angrenzenden Felder. Licht durchdringt die Lamellenstruktur des Turmes und projiziert Lichtflecken auf die Außenseite – ein kompliziertes geometrisches Spiel. Dennoch gelangt nur gleichmäßig gefiltertes Tageslicht ins Gebäude. Im Vakuum des Turmes schwebt über dem Besucher ein schwereloses Lichtvolumen.
 
 
 
 
 

Ihr Weg zur Kapelle

 
Mit dem Auto von Bödigheim in Richtung Seckach fahrend, biegt man am besten nach dem Sägewerk rechts ab und parkt dort. Zu Fuß folgt man zunächst der Beschilderung Skulpturenradweg Richtung Süden und nimmt dann, nach etwa 400 Metern, den ansteigenden Weg nach rechts. Nach gut 600 weiteren Metern hat man sein Ziel erreicht.