Mut, sich dem Dunklen zu stellen

Blick auf eine Träne im Gesicht einer Person

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Psychische Traumata werden heute zunehmend besser verstanden. Mediziner und Psychologen erforschen das Phänomen seit Jahren intensiv. Auch in gesellschaftlichen Debatten ist die Rede vom Trauma oft in aller Munde. In der Theologie dagegen ist es um das Thema bisher vergleichsweise still geblieben. Maike Schult, Professorin für Praktische Theologie in Marburg, erforscht Traumatisierungen aus seelsorglicher Perspektive. Anfang 2024 erscheint ihr Buch „Ein Hauch von Ordnung“ über Traumaarbeit in der Seelsorge.

Was genau ist ein Trauma?
 
Maike Schult: Trauma ist ein kleines Wort für ein großes Phänomen. Im Grunde versucht das Wort, etwas sprachlich zu fassen, was man als Phänomen nicht in den Griff bekommt. Einfach gesagt, geht es um eine seelische Verletzung. Schreckliche Erfahrungen wie Krieg, Gewalt oder Naturkatastrophen können so tief auf Menschen einwirken, dass sie zum lebensgeschichtlichen Einschnitt werden. Der Auslöser kann ein ganz kurzer Moment sein wie bei einem Unfall. Aber von da an ist nichts mehr wie zuvor. Bedrohungsgefühle, Schrecken, Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit werden so intensiv erlebt, dass auch über das unmittelbare Ereignis hinaus psychische und physische Störungen zurückbleiben.
 
Wie äußert sich ein Trauma bei Betroffenen?
 
Maike Schult: Das kann ganz unterschiedlich sein. Eine häufige Folge ist die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die sich beispielsweise in Konzentrations- und Schlafstörungen oder in besonderer Schreckhaftigkeit bemerkbar macht. Betroffene versuchen außerdem, alles zu vermeiden, was sie an das traumatische Erlebnis erinnert. Auch Angststörungen, Suchterkrankungen oder Depressionen können infolge eines Traumas auftreten. Für die Betroffenen ist das eigene Trauma oft schwer zu erkennen, denn ein zentrales Merkmal des Traumas ist die Sprachlosigkeit. Ein Trauma hinterlässt eine Zerstörung, die Menschen unfähig macht, von ihren schrecklichen Erfahrungen zu erzählen, sie zu verarbeiten und einzuordnen. Erinnerungen an das auslösende Ereignis erscheinen zersplittert wie Bruchstücke, die sich nicht in ein Gesamtbild fügen. Wenn aber in bestimmten Situationen die Erinnerung an das auslösende Ereignis wachgerufen wird, erleben die Betroffenen die damit verbundenen Schrecken im Hier und Jetzt so stark, als wären sie erneut in Gefahr.
 
Fast jeder Mensch macht im Laufe des Lebens auch Erfahrungen mit Gewalt, Leid und Todesangst, aber nicht jeder entwickelt ein Trauma. Warum?
 
Maike Schult: Zunächst ist es wichtig anzuerkennen, dass ein Trauma durch äußere Einwirkung entsteht. Die Betroffenen fantasieren nicht, und sie ‚schwächeln‘ nicht. Dieser Vorwurf wurde in der Vergangenheit oft erhoben, beispielweise als traumatisierte Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten. Ein Trauma kann jeden treffen, und das Phänomen ist recht weit verbreitet. Schätzungen gehen davon aus, dass in unseren westlichen Industriegesellschaften etwa 60 bis 70% der Erwachsenen im Laufe des Lebens mindestens ein traumatisches Erlebnis erleiden. Etwa 8% der Menschen erkranken einmal im Leben an einer PTBS. Warum sich bei dem einen ein Trauma entwickelt und bei dem anderen nicht, ist eine sehr komplexe Frage. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, das Alter zum Beispiel und auch bisherige Erfahrungen. Menschen im Krieg oder auf der Flucht etwa haben oft schon eine Reihe schrecklicher Erlebnisse verkraftet, aber das hat den inneren Schutzschild geschwächt. Die eine nächste Gewalterfahrung ist es dann plötzlich, die zu viel ist und das Trauma auslöst.
 
Portrait von Prof. Dr. Maike Schult
Prof. Dr. Maike Schult
Was kann ich tun, wenn ein Angehöriger unter einem Trauma leidet?
 
Maike Schult: Zu helfen ist schwierig. Viel ist schon gewonnen, wenn man selbst überhaupt über diese Zusammenhänge Bescheid weiß. Man kann versuchen, dem anderen Halt zu geben und ihn zu stabilisieren. Es kann auch guttun, den anderen in die Gegenwart zurückzuholen und jemandem zum Beispiel zu zeigen: Im Hier und Jetzt bist du zu Hause, nicht in Stalingrad. Aber in der Regel brauchen Menschen, die unter einem Trauma leiden, professionelle Hilfe.
 
Psychotherapeuten werden dafür ausgebildet, werden auch Pfarrerinnen und Pfarrer darauf vorbereitet?
 
Maike Schult: So sollte es jedenfalls sein. Allein weil das Phänomen faktisch vorkommt, würde ich mir wünschen, dass das Wissen um Traumatisierungen in der theologischen Ausbildung seinen Platz hat. In der Ausbildung zur Notfallseelsorge lernen Seelsorgerinnen und Seelsorger beispielsweise schon heute, wie sie Menschen in akuten Krisen beistehen. Das ist ein Anfang. Aber auch die Nachsorge ist wichtig. Denn ob sich ein Trauma entwickelt, zeigt sich oft erst mit zeitlichem Abstand. 
 
Warum ist eine traumasensible Seelsorge wichtig?
 
Maike Schult: Pfarrerinnen und Pfarrer können lernen, Traumata professionell wahrzunehmen, und bei Bedarf weitere Hilfe vermitteln. Sie bekommen bei Bestattungen oder Trauungen viel aus den Familien erzählt. Ein ganz eigenes Thema ist, dass auch innerhalb der Kirche Menschen sexualisierte Gewalt erfahren haben und traumatisiert wurden. Auch in diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Traumafolgen erkennen können. Wenn ihnen beispielsweise besonders heftige Ablehnung oder Kritik an der Kirche entgegenschlägt, kann es wichtig sein, zuerst einmal genau zuzuhören, statt der Versuchung nachzugeben, den eigenen Arbeitgeber zu verteidigen.
 
Ein Trauma ist eine seelische Wunde. Kann die christliche Heilslehre verwundete Seelen heilen?
 
Maike Schult: Genau das ist nicht der Fall. Betroffenen ist nicht damit geholfen, wenn man versucht, ihre Situation zu positiv zu betrachten oder etwas zu harmonisieren. Ein Trauma hinterlässt eine Narbe. Heil – ohne Narbe – wird es nicht. Die Hauptaufgabe ist zu lernen, mit dieser Narbe zu leben. Man bekommt nicht einfach den Zustand von früher zurück. Das ist wie bei einem Menschen, der ein Bein verloren hat. Man kann lernen, damit zu leben, aber es wird nicht wieder heil. Ich denke allerdings, dass Religion Kraft geben kann, sich dem Unangenehmen im Leben zu stellen. Unsere Welt im Ganzen ist oft düster, selbst wenn ich das vielleicht nicht im eigenen privaten Leben erfahre. Religion kann Mut machen, sich dem Dunklen zu stellen. Das Christentum stellt die Wunde in den Mittelpunkt. In jeder Kirche erinnert ein Kreuz an den Tod Jesu Christi. Wir kommen von der Erfahrung der Verletzlichkeit her. Wer traumatische Gewalt erfahren hat, fühlt sich oft beschädigt oder gar beschmutzt und hat das Gefühl, er dürfe sich niemandem mehr zumuten. Ein hilfreicher Gedanke kann dann sein: Traumatische Ereignisse hat es immer schon gegeben, und sie sind auch bekannt vor Gott.
 
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