Trost spenden: kleine Gesten statt großer Worte

Person beschriftet einen Umschlag

Taufe & Konfirmation & Hochzeit & Beerdigung

Trauer ist keine Krankheit, die man überwindet. Sie ist Arbeit an der Liebe, die bleibt. Sie braucht Zeit, Nähe und ehrliche Worte – ohne Beschönigungen. Davon ist Ludwig Burgdörfer überzeugt. Seit vier Jahrzehnten begleitet er als Seelsorger trauernde Menschen. Hier seine Tipps, wie auch wir ihnen beistehen können.  

Herr Burgdörfer, was ist Trauer?
Trauer ist ein sehr komplexes Phänomen. Ich nenne es Liebeskummer. Wenn mich Leute fragen: ‚Warum tut es denn so weh?‘, antworte ich: ‚Weil es vorher so gutgetan hat.‘ Wenn eine Beziehung glücklich war, wird im Abschied die Liebe zwangsläufig zum Kummer. Wie die Liebe, ist auch Trauer Arbeit. Sie ist mühselig, manchmal auch armselig und auf jeden Fall anstrengend.
 
Kann man Trauer überwinden?
Das ist eine klassische Frage. Die Frage „Wie oft muss ich zu Ihnen kommen, bis die Trauer weg ist?“ wurde mir oft gestellt. In der Trauerforschung geht man heute davon aus, dass es keine chronologischen Schrittfolgen gibt, sondern eher kreisende Bewegungen. Man kommt nicht von einer Stelle weg, die man dann für immer überwunden hat. Trauer ist ein sich wiederholendes, aber fortschreitendes Arbeiten. Es kann sehr wohl sein, dass ich in ein paar Wochen wieder aus demselben Fenster gucke, von dem ich dachte, das muss ich mir nicht mehr anschauen, und dann ist es doch wieder da. Aber ich habe inzwischen mich verändert. Es geht nicht ums Loslassen. Im Gegenteil: Loslassen wäre ja eine zusätzliche Gewalt an mir, die der Liebe vollkommen widerspricht. Es geht um zulassen und überlassen, ohne zu verlassen.
 
Porträtfoto Ludwig Burgdörfer
Ludwig Burgdörfer

Quelle: Kirche im SWR

Wie kann ich Trauernde unterstützen?
Die gute alte Art und Weise, das Beileid zu zeigen und auszusprechen, ist so wichtig wie ‘Gesundheit‘ zu sagen, wenn jemand genießt hat. Das Beste, was wir Trauernden tun können, ist die Mischung aus Nähe und Distanz so weiterzuleben wie bisher. Nicht aus dem Weg gehen, sondern fragen: Kann ich was für dich tun? Kann ich dir was mitbringen? Trauernde sollen nicht das Gefühl bekommen: Ich habe jetzt eine ansteckende Krankheit, der man aus dem Weg gehen muss.
 
Schreibt man heute noch Trauerkarten?
Beileidskarten zu schreiben, ist nach wie vor eine unglaublich wertvolle Möglichkeit, Menschen etwas nachhaltig zu schenken. Viele lesen sie immer wieder und werden so aufgerichtet. Ich glaube, wir alle haben im Lauf des Lebens Worte gesammelt, die uns guttun. Aus diesem Fundus können wir etwas weitergeben. Solche Worte nicht nur ausdrucken, sondern mit der eigenen Hand abschreiben, macht eine andere Botschaft daraus. Wenn wir selbst etwas formulieren, sollten wir drei Dingen nicht tut: keine Erklärung, keine Beschönigungen und keine leeren Versprechen. Stattdessen kann ich durchaus Sätze schreiben wie: Ich weiß gar nicht, was ich dir schreiben soll. Ich bin ratlos. Ich bin an deiner Seite, du kannst dich jederzeit bei mir melden.
 
Wie verhalte ich mich am besten am Grab?
Ich muss keine großen Erklärungen abgeben. Ich muss gar nichts sagen. Ich kann mich verneigen. Ich kann eine kleine Berührung am Arm machen. Ich kann jemanden umarmen, wenn das so passt, und kann dann gehen. Ich wünsche mir, dass wir diese Beileidskultur achtsam weiter pflegen und einander zutrauen, dass wir über das Regularium wie viel Nähe, wie viel Abstand, verfügen. Zurzeit beobachte ich eine verhängnisvolle Entwicklung, die sich abbildet in dem Satz: Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen. Das ist die Bitte um Verschonung, die verständlich ist, weil man in dem Grad der Verletzlichkeit Angst hat vor übergriffiger und nicht gewollter, zugemuteter Nähe. Aber es ist auch gleichzeitig die Abschaffung von dem vorhandenen Bedürfnis durch Nähe Anteil zu geben und Anteil zu nehmen.
 
Wie kann ich mit Kindern über Trauer sprechen?
Für mich hängt das von Angebot und Nachfrage ab. Werde ich von einem Kind zu diesem Thema gefragt, dann rede ich mit ihm darüber. Aber ich rufe es nicht her und sage: ‚Setz dich mal. Heute erzähle ich dir mal, dass das Leben auch endet‘. In dem Moment, wo das Kind dabei ist, diese Frage zu bearbeiten und mir das Vertrauen schenkt und mich einweiht in das, was ihm wichtig ist, in dem Moment bin ich bei ihm. Wichtig ist, dass es eine offene und klare, authentische Antwort bekommt. Ein Kind hat ein Recht darauf, zu erfahren wie der Mensch, den es fragt, im Augenblick für sich diese Frage beantwortet. Wir müssen uns nicht überfordern und denken: ‚Um Gottes Willen, hoffentlich fragt mich mein Kind oder Enkelkind niemals, wo die Verstorbenen jetzt sind.‘, Habe ich in dem Moment das Gefühl, die sind gar nicht so weit weg, sie sind noch bei uns und ich kann sie spüren, dann sage ich das. Habe ich den Eindruck, die sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden, sage ich das auch. (12.11.2025)
 
Hinweise zum Umgang mit Trauer findest du auch hier