Kelch mit Wasser steht in einem Taufbecken
 

 

Taufe

Es muss kein Jordanwasser sein

Pfarrer Rainer Heimburger ist für die Arbeitsstelle Gottesdienst mit Schwerpunkt Kasualien zuständig. Er macht sich Gedanken zum Heiraten, Beerdigen und Taufen. In den letzten Jahren hat sich einiges geändert.

Was bedeutet die Taufe?

Die Taufe leitet ihren ursprünglichen Sinn von der Taufe Jesu ab. Durch die Taufe spricht Gott dem Menschen, der sich taufen lässt oder getauft wird, zu: Du bist mein Kind, du gehörst zu mir.
 

Bei den Evangelischen darf jeder taufen?

Taufen darf nach evangelischem Verständnis je- der, der dazu berufen und befähigt worden ist: jede Pfarrerin, jeder Pfarrer, Diakone/-innen, Prädikanten/-innen. Im Notfall darf jeder Christenmensch taufen. Ich erinnere mich an einen Chefarzt, der einen Notkaiserschnitt durchführte und danach selbst das Kind taufte, weil kein Pfarrer da war. Das Ritual ist ganz einfach: Ich taufe dich im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen. Das genügt.
 

Taufe hat also gar nichts mit der Namensgebung zu tun?

Ja, richtig. Ich taufe dich im Namen und auf den Namen liegt sprachlich nah beieinander, aber im Namen bedeutet hier im Auftrag. Der Täufling bekommt also keinen Namen, wird aber beim Namen genannt. Allerdings wurde im Urchristentum bei der Taufe der ursprünglich heidnische Name des Täuflings oft in einen christlichen Namen geändert.
 

Was hat sich im letzten halben Jahrhundert verändert?

Damals wurde sehr nahe am Geburtstermin getauft. Bei mir war es im Krankenhaus am siebten Tag meines Lebens. Sonst meldete man die Taufe beim Pfarramt an, bekam einen Termin und ging mit Paten und Gästen zur Kirche und ließ das Kind taufen. Es war selbstverständlich, dass man zu einer christlichen Gemeinde gehört. Heute sind die Täuflinge oft schon älter, manche lassen sich erst bei der Konfirmation oder Eheschließung als Erwachsene taufen.
 
Früher war klar, der Ort ist die Kirche, das ist der Taufstein, die Gemeinde ist da, und die Liturgie steht fest. Der Pfarrer hat sich daran gehalten. Heute wird an vielen Orten getauft, die Familien beteiligen sich am Gottesdienst mit Fürbitten oder Musik. Die Taufkerze haben wir bei den Katholiken abgeschaut. „Jesus verspricht, ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Das passt zur Taufe.
 
Wir haben eine viel größere Freiheit, den Taufgottesdienst zu gestalten. Es darf jetzt fotografiert werden. Wie schön, wenn man später mit seinen Kindern diese Fotos anschaut. Und – es gibt die Taufe draußen. Meine Frau bietet Tauffeste am Bach an. Das ist der absolute Renner. Das Erlebnis der Taufe in der Natur ist ein ganz großes. Und es hat eine soziale Dimension. Oft findet dazu ein Gemeindefest statt mit der Einladung zu einem bescheidenen gemeinsamen Essen. Da spielt es keine Rolle, ob man es sich leisten kann, Gäste einzuladen oder alleinerziehend ist. Da trägt die Gemeinschaft alle.
 

Heute wird oft ohne Gemeinde getauft, ist das logisch?

Früher war die Taufe im Sonntagsgottesdienst oder wurde an ihn drangehängt. Man wollte die Gemeinde nicht mit weinenden Babys belästigen, also wartete die Familie in der Sakristei. Heute gibt es Sondergottesdienste samstags, begünstigt durch die Abstandsregelungen bei Corona. Natürlich kommt die Frage auf: Kann das Kind ohne Gemeinde getauft werden, obwohl es doch von ihr aufgenommen wird? Theologisch richtig ist, dass das Kind zwar in die Gemeinde hinein getauft wird, aber in erster Linie in den Leib Christi, also in die Kirche hinein.
 

Individuelle Formen der Taufe – sind sie wichtig?

„Unser Kind ist etwas ganz Besonderes.“ Das spüren meine Frau und ich bei den Taufeltern stark. Deshalb braucht das Kind eine besondere Aufmerksamkeit, auch in einem Gottesdienst. Das kann man blöd finden. Man kann auch sagen: Ok, das ist theologisch nicht falsch, dass Gott sich diesem besonderen Erdenkind zuwendet. Macht halt mehr Arbeit. Es gibt weniger Kinder in den Familien. Des- halb sind sie etwas Besonderes. Die Verwandten leben überall verstreut. Früher waren sie in der Nähe, heute müssen sie für die Taufe u.U. „einfliegen“ und abends wieder zurück. Dann ist ein Samstags- fest viel angenehmer als an einem Sonntagmorgen.
 

Das weiße Taufkleid hat immer noch Tradition, welche?

Bei der Taufe entsteht eine neue Gottesbeziehung. Das Weiß ist Ausdruck von Reinheit, ähnlich wie bei einer Braut. Die Taufe wird auch mit Sündenvergebung verbunden. Angelehnt an ein Pauluswort, dass man sich das Kleid Gottes überziehen soll. In vielen Familien wird das Taufkleid vererbt. Meine Mutter war enttäuscht, dass meine Kinder schon so groß waren, dass sie nicht mehr hineinpassten.
 

Ganz untertauchen muss nicht mehr sein?

Die frühen Christen/-innen wurden als Erwachsene getauft und in einem Fluss untergetaucht. Das hatte symbolische Bedeutung. Der alte Mensch geht, ein neuer taucht aus den Fluten auf. Bei Kindern ist das schwierig. Im Winter ist das nicht so prickelnd. Des- halb hat sich in Nordeuropa der Wasserverbrauch bei der Taufe minimiert und beschränkt sich heute darauf, etwas Wasser über den Kopf fließen zu lassen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts ließen Adelige ihren Nachwuchs mit importiertem Jordanwasser taufen – wie Jesus. Der Taufe tut das keinen Abbruch mit wieviel oder welchem Wasser getauft wird.
 

Ist Taufe nur noch eine Konvention?

Ein Leben ist ein großes, aber immer ein gefährdetes Geschenk. Ich glaube, dessen sind sich Eltern bewusst. Sie kommen immer noch mit dem Anliegen: Wir brauchen den Segen für das Leben dieses Kindes. Gott, bitte begleite dieses Kind auch in den Situationen, in denen wir es nicht begleiten können. Das spiegelt sich in der Auswahl des Taufverses wider. Die meisten entscheiden sich für Psalm 91: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“.
 
Muss man evangelisch sein, um sein Kind evangelisch taufen zu lassen?
„Evangelisch sein muss, wenn er eine evangelische Taufe begehrt.“ Aber mir fällt kein Grund ein, die Taufe zu verweigern. Selbst wenn kein Elternteil evangelisch ist. In einer christlichen Kirche sollten sie schon sein. Und es muss es klar sein, dass das Kind dann Mitglied der Evangelischen Kirche ist, zum Kindergottesdienst und zur Konfirmation eingeladen wird. Wenn ich Zweifel an der Ernsthaftigkeit habe (Die Oma will halt die Taufe), dann bespreche ich das mit den Eltern. Leider wird es immer schwieriger, Paten zu finden, die die Eltern bei der religiösen Erziehung unterstützen. Getauft werden kann auch ohne sie.
 

Wirkt sich die Taufe auf das ganze Leben des Täuflings aus?

Es tut gut, den Zuspruch Gottes zu hören, auch im Erwachsenenalter, das ist wie Rückenwind. Das Gleiche gilt für die Taufe.
 

Kann man auch ungetauft gläubig sein?

Ja, das geht. Aber getauft gehöre ich zur Familie aller Kinder Gottes. Im Heidelberger Katechismus heißt es, dass mein Trost im Leben und im Sterben ist, dass ich meines Heilands Christus eigen bin. Das drückt die Taufe in einer hervorragenden Weise aus. Ich gehöre zu Christus im Leben und Sterben, und der wird mich nie hängenlassen.
 
 
 
 
(Die Fragen stellte Sabine Eigel)