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Die Krankenheilung am Teich Bethesda
Tex: Urte Bejick
Das Johannesevangelium
Das Johannesevangelium ist eine vermutlich um das Jahr 100 verfasste Schrift mit dem Anliegen, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen." (Joh 20,31). Die Zuschreibung der Verfasserschaft an „Johannes" ist –wie bei den anderen drei Evangelien- nachträglich ergänzt wurden. Das Evangelium selbst erwähnt immer wieder „den Jünger, den Jesus lieb hatte" und der in gewisser Konkurrenz, wenn auch in Unterordnung zu Petrus steht (Joh 13,23;19,26f.;20,2-10;21,7.20-23). Damit ist nicht gesagt, dass dieser Jünger das Evangelium verfasst hat- vermutlich ist es wie die anderen Evangelien auch Ergebnis eines Überlieferungsprozesses und einer Gruppe.
Das Johannesevangelium gleicht im Kern den anderen drei Evangelien (Taufe Jesu durch Johannes, Finden der Jünger*innen, Wanderungen und Predigten, Abschied, Kreuzigung und Auferstehung), weist aber entscheidende Unterschiede zu den drei Synoptikern auf. Mt, Mk und Lk heißen „Synoptiker" (also, was zusammen geschaut werden kann), da sie alle drei im Kern auf das Markus—Evangelium oder eine frühere Fassung des Mk zurück gehen. Man hat auch versucht, Joh und Mk in Verbindung zu bringen, aber Joh ist wohl ein eigenständiges Werk, das viele Geschichten erzählt, die die anderen drei Evangelien nicht überliefern (so auch Joh 5). In Joh ist es übrigens eine Frau, Marta, die das in Mt Petrus vorbehaltene Christusbekenntnis spricht (Joh 11,27), Predigt in den anderen Evangelien Jesus vom Reich Gottes, so gibt er nach Joh in längeren Reden von sich selbst Zeugnis als Wasser und Brot des Lebens, als Weinstock, Weg und Hirte. Es geht Joh also nicht um einen im heutigen Sinne historischen Bericht („Was sagte Jesus wirklich?"), sondern um ein Glaubenszeugnis. Der als auferstanden erfahrene Christus, der tröstende Heilige Geist prägen das Jesusbild, das Joh überliefert.
Dies hat zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen des Evangeliums geführt. Luther nennt es aufgrund der starken theologischen Durchdringung „das eine, zarte, rechte Hauptevangelium" (vorrede zum neuen Testament 1522). Dagegen sah die historisch-kritische Forschung des 20. Jhs., die vor allem nach dem „historischen Jesus", seiner „authentischen" Lehre fragte, als „historisch wertlos" an. Andere wiederum stoßen die selbstbewussten, exkludierenden „Ich-Bin"- Worte („Der Weg, die Wahrheit, das Leben") in ihrem Einzigartigkeitsanspruch ab. Das Joh ist außerdem vermutlich in einer Zeit entstanden, als sich nach dem Jüdischen Krieg jüdische und christliche Gemeinden neu formierten und stärker voneinander absetzten, so dass es sehr kritische und herab setzende Aussagen über die als „die Juden" bezeichneten religiösen Autoritäten enthält, die ihren Beitrag zum christlichen bzw. vielmehr unchristlichen Antijudaismus beigetragen haben. Joh präsentiert nicht, wie er in den Synoptikern noch fassbar ist, den Rabbi Jesus, der den „Neuen Weg" (so bezeichneten sich nach Apg 9, 2 die ersten Christ*innen) der Toraauslegung lehrte, sondern Jesus als den Weg zum Leben selbst. Andererseits berichtet Joh auch in ausführlichen Geschichten von starken Frauen: die Samaritanerin am Brunnen als Diskussionspartnerin und Missionarin (Joh 4), die gerettete Ehebrecherin (Joh 7). Marta ist es, die das Christusbekenntnis spricht (und die als tatkräftige Hausvorsteherin nicht wie in den Synoptikern der hörenden Maria untergeordnet wird), Maria Magdalena sieht als erste den Auferstandenen (Joh 20).
Das Johannesevangelium will also Glaubenszeugnis sein: Wer ist Jesus jetzt für die (damaligen) Leser*innen und Leser? Welche Geschichten charakterisieren ihn am besten? Auch die Heilungsgeschichte Joh 5 will keinen historischen Bericht geben: „So ist es gewesen", sondern ein Beispiel „So wirkt Jesus heute für uns". Auch die Synoptiker sind Glaubenszeugnisse. Und wenn wir heute Biografien lesen oder vielleicht auch unsere eigene schreiben, so ist auch dies immer eine Auswahl von Erinnerungen aus unserer heutigen Sicht.
Text: Joh 5,1-18
Der Ort: Bethesda
Bethesda ist eine bei dem Schriftsteller Euseb und in der Kupferrolle von Qumran belegte Zisternen- und Teichanlage im Nordosten Jerusalems. Das „Schaftor" ist Neh 3,1, erwähnt, es führte durch die Ringmauer direkt zum Tempel und hieß so, weil hier die Opfertiere zum Tempel getrieben wurden. Der Teich diente wohl als Viehtränke und Waschplatz.
Das „Schaftor" hat bei Joh auch eine symbolische Bedeutung: Jesus, das Lamm Gottes, geht auf dem Weg in Jerusalem ein, den auch die Opfertiere nehmen. Joh deutet hier den Kreuzestod Jesu an.
Zum Weiterdenken
Der Gedanke des Opfers und dass Tiere im Rahmen einer kultischen Handlung geschlachtet werden, scheint uns heute befremdlich. Dafür haben wir eine industrielle Tieraufzucht und Schlachtung. Das „Nutz"tier ist Gegenstand und Ware. Im heutigen Kontext können wir die Symbolik des Joh weiter denken: Jesus geht an der Seite der geschundenen Tiere.
Herodes I. ließ die Becken ausbauen und mit den Säulenhallen überbauen. Herodes I. (um 73-4 v.Chr.) zeichnete sich durch eine reiche Bautätigkeit aus- er baute den Jerusalemer Tempel zu voller Größe aus und gründete die Stadt Caesarea. Obwohl Hinrichtungen von Gegnern und Verwandten seine Herrschaft begleiteten, war er andererseits auch ein sozialer Herrscher, der Hungersnöte bekämpfte und Steuern senkte. So waren die Säulenhallen vielleicht nach römischem Vorbild als eine Art „Krankenhaus" gedacht, in dem Kranke mit Wasser kurten.
Bei den Römer*innen hießen Krankenhäuser „Valetudinarien", also Heilstätte oder „Gesundheitshaus". Eines der ersten Krankenhäuser ist 14 n. Chr. in Aliso (beim heutigen haltern in Westfalen) nachweisbar. Valetudinarien dienten der Wiederherstellung der Einsatzkraft von Soldaten, aber auch von Sklav*innen. Dieses Heilwesen, das auf die Heilkraft von Wasser und Hygiene setzte, diente also der Wiederherstellung der Arbeits- und Kampfkraft.
Nach dem Jüdischen Krieg wurden die Säulenhallen im Jahr 70/71 zerstört. Dort wurde ein Asklepios-Heiligtum errichtet. Asklepios war die Gottheit der Heilkunst. Den Wassern von Bethesda muss also Heilkraft zugesprochen worden sein.
„Bethesda" kommt vom Hebräischen beijt-eschdatajin, „Haus der Barmherzigkeit", wie es in der Kupferrolle bezeugt ist.
Der wunderbare Engel
Den Wassern von Bethesda muss also schon früh Heilkraft zugesprochen worden sein. Joh 5,3b-4 erzählt die Legende vom Engel, der ab und zu das Wasser berührte. Dies ist –das zeigen Textvergleiche- ein späterer Einschub in den Erzähltext, wohl eine volkstümliche Erzählung.
Wir könnten sie also getrost weg lassen. Allerdings wirft sie wichtige Fragen auf:
Warum berührt der Engel nur ab und zu, scheinbar willkürlich das Wasser?
Stellen wir uns so „Barmherzigkeit" vor?
Und das Wichtigste: Die Erzählung vom Engel soll erklären, warum die Wasser von Bethesda als heilend galten. Gegen die wissenschaftliche Erklärung, dass durch Schmelzwasserzufuhr oder Umleitung durch die Becken das Wasser „aufwallte", wird hier ein Engel bemüht. Es ist ein „Engel des Herrn", der zum kairos, also zum rechten, gesegneten Augenblick herabsteigt, und das ist nicht zu verachten.
Diese volkstümliche Erklärung als „späteren Textzusatz" zu ignorieren, ist auch Ausdruck einer gewissen, saturierten wissenschaftlichen Überheblichkeit. Die Engelgeschichte ist eine „volkstümliche" Erklärung- für die armen Leute ist so ein Engel, auch wenn er selten herab steigt, ein Wunder, eine Chance, die mögliche Rettung gewesen.
Zum Weiterdenken
Die Wunderkraft eines Engels, der nur dann und wann herab steigt, scheint etwas willkürlich zu sein. Sein Herabsteigen hilft nur einigen wenigen Menschen zu einigen wenigen Zeiten. Aber verdanken nicht auch wir viel einem kairos, d.h. zur rechten Zeit in einem demokratischen, wohlhabenden Land mit guter Gesundheitsversorgung und sozialen Standards geboren zu sein? Medikamente und medizinische Hilfen sind auch in Deutschland nicht für alle erschwinglich, weltweit ist die Kluft noch tiefer.
Da war ein Mensch
Dann wird die für die Geschichte wichtige Person vorgestellt, wörtlich aus dem griechischen Text übersetzt steht da: „Es war aber irgendein Mensch dort… „. Was in Übersetzungen vorschnell als „Mann" wiedergegeben wird heißt allgemein „irgendein Mensch". Es ist also bewusst nicht gesagt, dass es sich um einen Mann handeln müsse.
Die Formulierung „ein Mensch" wird im NT oft gebraucht, wenn eine Person exemplarisch für andere steht: Das Opfer, das unter die Räuber fällt und vom Samariter gepflegt wird, wird so benannt und auch der Vater des verlorenen Sohnes wird so eingeführt. „Irgendein Mensch" ist also ein Beispiel, eine Person, die jede und jeder sein könnte. Die Bezeichnung lädt zur Identifikation ein.
Es geht also nicht um einen historischen Bericht, sondern um eine Beispielerzählung. Dies erklärt auch, warum nur eben diese*r eine geheilt wird und keine Massenheilung stattfindet. Unterstrichen wird das Beispielhafte, wenn es im griechischen Original heißt : „den sah Jesus dort liegen…" – hier wird ein Scheinwerfer auf den Menschen und damit exemplarisch auf die gerichtet, die die Geschichte hören oder lesen.
Dieser Mensch wird im griechischem Original als asthenes bezeichnet. Das heißt „krank", ohne dass gesagt wird, um welche Krankheit es sich handelt, es heißt aber auch „schwach, kraftlos" und „unbedeutend". Diese „Schwäche" begegnet wörtlich auch in 2 Kor 12,9-10 bei Paulus, der zu dem Schluss kommt: „Deshalb bejahe ich meine Schwäche…., denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark."
Zu unseren Leseangewohnheiten gehört neben der androzentrischen Deutung des „Menschen" als „Mann" meist auch eine Sichtweise aus der Welt der sich als nicht oder wenig behindert Ansehenden und „Gesunden". So erscheint der schwache Mensch als „krank" und gelähmt (obwohl er sich offensichtlich noch zum Teich schleppen kann).
Als Dauer der Schwäche werden 38 Jahre angegeben. Dies ist ein höheres Erwachsenenalter, eine sehr lange Zeit. Was hat der Mensch in dieser Zeit gemacht? Immer nur gewartet? Wovon lebt er oder sie?
Zum Weiterdenken
Obwohl die Geschichte den Kranken dann als „er" und „ihn" männlich definiert, ist es durchaus erlaubt, die Geschichte einmal als von einer Frau handelnd zu erzählen! 38 Jahre erlebt sie sich als schwach und unbedeutend, andere drängen sich immer wieder vor sie, sie hat keine Freundinnen und Freunde. Und ausgerechnet die sieht Jesus an!
Die Zweckgemeinschaft der Ausgestoßenen
Die Kranken werden als Schwache, Blinde, Gelähmte und Ausgemergelte beschrieben, dies ist eine pauschale Bezeichnung nach Jes 35,5f. Diese Gesellschaft der Armen, Kranken und Schwachen ist nun keinesfalls solidarisch untereinander. Die gemeinsame Lage verschwistert sie nicht, sondern isoliert sie vielmehr voneinander. Jede*r strebt danach, als erstes in das heilende Wasser zu steigen, nicht zu kurz zu kommen.
Man kann das moralisch zweifelhaft finden- warum verbünden die sich nicht, helfen einander nicht? Schwäche und Krankheit trennen hier offenbar die Menschen, jeder wartet sehnsüchtig auf den einen rettenden Augenblick, die eine große Chance im Leben.
Zum Weiterdenken
Die Menschen in Bethesda warten auf den rechten Zeitpunkt, auf Griechisch kairos. Als kairos wird im NT die erfüllte, die rechte, die gesegnete Zeit bezeichnet. Die Menschen in Bethesda warten jede und jeder für sich darauf: Ach, wenn ich doch einmal im Leben ein bisschen Glück hätte…Das ist leicht zu verstehen. Aber ihr Wunsch und ihre Hoffnung verbindet sie nicht, sondern vereinzelt sie.
Gibt es eine Hoffnung, die nicht stark, sondern klein und kleinlich macht?
Auch innerhalb der Gruppe der Kranken gibt es also Hierarchien. Sehen wir den „Menschen" als Mann, so fällt er völlig aus einer auch in der Gesellschaft der Ausgestoßenen konstruierten „Männlichkeit": Wettbewerbsfähigkeit, Aggression, Macht, Autorität, vermutlich auch Charme gehen ihm völlig ab. Solche Eigenschaften können im Endeffekt auch nicht „gesund machen", sie nutzen nur den Stärkeren, die sich vordrängen können. Die Gruppe der Kranken –ob Männer oder Frauen- orientiert sich an dieser „hegemonialen Männlichkeit". Gegenseitige Hilfe, Sorge, Rücksicht spielen keine Rolle.
Zum Weiterdenken
Die „Unterdrückten dieser Erde" haben nicht immer gleiche Interessen und auch die Vereinigung der Proletarier*innen aller Länder ist bisher ein Wunschtraum geblieben. Haben denn Frauen weltweit ähnliche Interessen? Brauchen wir überhaupt noch eine Frauenbewegung („Also, ich fühle mich nicht unterdrückt. Heute kann doch jede leben wie sie will."). Was macht die Identität einer Gruppe aus- Überzeugung, Religion, sozialer Stand, Herkunftsland?
„Steh auf"
Anders als in anderen Heilungsgeschichten und anders, als künftige Seelsorger*innen dies lernen, fragt Jesus nicht: „Was willst du, dass ich dir tun soll?" Die Krankheit wird klar benannt: „Willst du gesund werden?" Der Mensch ist durch seine lang währende Schwäche vermutlich noch nicht einmal in der Lage, die eigenen Wünsche zu erkennen und zu artikulieren. Und es wird deutlich, dass er keinen Engel braucht- sondern einen Menschen, jemanden, der oder die ihn wahrnimmt und ihm hilft. Die Krankheit, an der dieser Mensch leidet, heißt Einsamkeit, Missachtung und Rücksichtlosigkeit.
Der schwache Person wird aufgefordert: „Steh auf!" Im griechischen Text steht egeire- das ist das Aufstehen am Morgen, das Erwachen. Ähnlich formuliert findet sich die Aufforderung an einen Gelähmten in Mt 9,6.Bloßes „Aufstehen !" heißt –wie im Fall der Auferstehung- anasta. Beide Arten des Aufstehens sind kombiniert in einem alten christlichen Lied, das in Eph 5,14 zitiert ist:
„Wach auf (eigeire), der du schläfst
und steh auf (anasta) von den Toten,
und Christus wird dich erleuchten."
Im Selbstzeugnis Jesu (Joh 5,25-29) wird dann zweimal bekräftigt, dass die, die „die Stimme des Sohnes Gottes hören", einmal aus ihren Gräbern aufstehen werden.
Das Angebot „Steh auf" muss dabei nicht zwingend die Heilung von einer Lähmung bedeuten- es kann auch die Kraft im Schwachen bedeuten und die Aufforderung implizieren, einen von Konkurrenz gezeichneten, ungesunden Ort zu verlassen.
„Nimm deine Bettrolle und geh"
Die Kranke Person bei Joh wird so nicht einfach zur Bewegung aufgefordert, sondern zu einem Aufstehen, das mit einer innerlichen Einsicht, einem Erwachen aus 38 Jahre Dämmer verbunden ist. Außerdem soll sie ihre Bettmatte mitnehmen. In alten Übersetzungen steht „Bett" und in mittelalterlichen Illustrationen müht sich der Genesene mit einem unförmigen Bettgestell ab. Gemeint ist aber wohl eine Matte oder Bettrolle. Das Mitnehmen der Matte hat dramaturgische Funktion- die gesundete Person wird von der Tempelpolizei angehalten und Jesus wegen Aufrufs zum Bruch des Sabbatgebotes verdächtigt, gar zum Tode verurteilt. Die Matte ist andererseits wohl auch der einzige Besitz des Geheilten. Verbinden wir nun diese Matte mit seiner Vergangenheit, so lässt er diese nicht einfach völlig hinter sich. Die Erinnerung daran will „getragen" sein.
Zum Weiterdenken
Nimm dein Bett….
Die Bettrolle,
das Bett,
es ist das Territorium des Kranken,
lange Zeit sein oder ihr Lebensraum.
Im Bett wird geboren und gestorben,
geschlafen und geträumt,
versteckt,
krank gelegen und geruht,
geliebt und missbraucht.
Steh auf, nimm dein Bett und geh…
Was heißt das für:
Einen bettlägerigen alten Menschen,
eine Person, die sich nicht aufraffen kann,
eine Prostituierte,
Menschen, die Angst haben, morgens aufzustehen, weil sie in der Schule, im Beruf gemobbt werden?
Die Einordnung in das Johannesevangelium: Das Symbol des Wassers
Joh 5 reiht sich in mehrere Geschichten ein, in denen Wasser eine zentrale Rolle spielt, Joh ist auch das „Wasserevangelium", in dessen Mitte sich Jesus als wahres lebendiges Wasser bezeichnet (Joh 7), das in die gläubigen Menschen überquillt und sie ebenfalls zu Quellen und Brunnen macht.
Wasser
Ist lebensnotwendig,
es reinigt,
es heilt,
es entscheidet über die Existenz von Familien (Fischer)
und kann gefährlich werden.
In Joh ist Jesus Herr über das Wasser, er ist die Quelle des Lebens selbst. Daher übertrifft er die Erzväter (Jakob, der einen Brunnen gegraben hat), aber auch römisch-griechische Gottheiten: Dionysos, der ebenfalls Weinwunder bewirkt haben soll, und Asklepios.
Antijüdische Tendenzen in der Exegese
Hartnäckig unterlässt es auch moderne Bibelexegese nicht, mit Gewalt antijüdische Tendenzen in diese Wundererzählung einzutragen. So werden die 5 Säulenhallen phantasievoll als 5 Bücher der Tora gedeutet, die Jesus dann durch die Heilung übertrifft und die 38 Krankheitsjahre nach 5 Mos 2,14 mit 38 Wüstenjahren Israels, das dann als schwacher Mensch charakterisiert werde. Dazu gibt die Geschichte keinerlei Anhalt, auch wenn sie in die Selbstaussage Jesu mündet und schließlich in eine zweite Erzählung, wonach die Tempeloberen Jesus nach dem Leben trachten.
Wie können wir den Text lesen?
Die „westliche" Perspektive
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sich einem biblischen Text zu nähern und ihn auszulegen.
Die wissenschaftlich gültige Methode ist die „Historisch-kritische" Auslegung. Sie fragt nach den Entstehungsbedingungen eines Textes, seiner historischen, sozialen und religionsgeschichtlichen Einordnung. Sie untersucht seine literarische Form und nach möglichen Vorstufen und Weiterentwicklungen, im Falle von Evangelien auch nach seiner Nähe zum „historischen Jesus".
Die „historisch-kritische" Methode verdankt sich der Aufklärung- und dies ist auch ihr Sinn: Biblische Texte vor Willkür und Missbrauch zu bewahren. Ein Biblischer Text ist zunächst in einem bestimmten historischen, gesellschaftlichen und gemeindlichen Kontext entstanden und daher immer auch fremd und befremdend. Die historisch-kritische Auslegung setzt immer auch eine Distanz zum Text voraus.
Gleichwohl ist die Bibel für uns Christ*innen nicht nur eine Sammlung alter Texte oder ein besonders schönes literarisches Werk. Sie birgt immer auch bewegende und verändernde Gotteskraft. Nicht jedes Bibelwort muss uns zu jeder Zeit „etwas sagen", aber es kann zur rechten Zeit aufrichten, trösten, verwirren, aufwecken und helfen.
So kann Joh 5 auch aus einer seelsorglichen Perspektive gelesen werden: Was bedeutet diese Geschichte für „schwache", „kraftlose", „unbedeutende", kranke Frauen oder Männer, die diese Schwäche für ihr Schicksal halten? Wie liest sich die Geschichte aus der Sicht eines bettlägerigen alten Menschen, einer chronisch kranken Frau, einer Prosituierten, eines einsamen oder auch eines mit sich zufriedenen, kraftvollen Menschen? Und wie liest er sich, wenn wir in „dem Menschen" eine Frau vermuten?
Im afrikanischen Kontext
Wir lesen den Bibeltext in unserem europäischen, deutschen Kontext. Wenn wir im Folgenden von „afrikanischer" Theologie reden, ist dies eine grobe Vereinfachung, die der Vielfalt der Regionen und Kulturen natürlich nicht gerecht wird. Im südlichen Afrika befassten sich im Zuge der christlichen Mission von Anfang an Frauengruppen mit der Auslegung der Bibel. Es ging ihnen darum, was die Bibel ihnen jetzt unmittelbar sagt. Historisch-kritische Auslegung war jahrzehntelang eine westliche und männliche Angelegenheit. Die akademische Theologie stand der „einfachen" Auslegung nicht studierter Frauen gegenüber. Gleiches galt auch für die politische Befreiungstheologie, die sich mit rassistischer und ökonomischer Ausbeutung auseinandersetzte- nicht aber mit der Kategorie Gender oder Frauen. Androzentrische und patriarchalische Macht wurden durch sie nicht in Frage gestellt, Frauen waren „unsichtbar". Erst 1989 wurde der Circle of Concerned African Women Theologians gegründet. Ziel des Circles ist nicht die Übernahme westlicher akademischer Theologien, sondern die Bibel als Quelle der Ermächtigung von Frauen zu lesen.
Westliche akademische Theologie fragt zuerst nach den Methoden, z.B.: Welche historischen Fakten überliefert das Johannesevangelium? Was ist nachösterliche Glaubensaussage? Welche Funktion hat Joh 5 im Rahmen des ganzen Evangeliums? Das ist –pauschal gesprochen- im afrikanischen Kontext zweitrangig: es geht um das Leben als einzelner Mensch, als Frau oder Mann, als Volk. Diese Form der Theologie wird als „kontextuelle" bezeichnet, was allerdings übersieht, dass auch die westliche akademische Theologie kontextuell ist (Wissenschaftler*innen müssen möglichst viel veröffentlichen, rezipiert und zitiert werden, um Fördermittel zu erhalten bzw. ihre Arbeit zu rechtfertigen. Akademische Theologie basiert auch auf dem Konkurrenzsystem. Schon das Schreiben einer Doktorarbeit ist ein einsames Geschäft.) Andere Kriterien der Auslegung hat der Circle:
- Eine Geschichte wird als Ganzes, als Geschichte gelesen (und nicht z.B. nach Vorstufen gesucht);
- es wird nach den Beziehungen der handelnden Personen, ihrer Relation gefragt;
- es wird gefragt, was zur Stärkung von Gemeinschaft beiträgt und was dies für konkretes Handeln bedeutet.
Bibellektüre sollte Gemeinschaftslektüre von Nichtakademikerinnen und Akademikerinnen sein.
Dem Text begegnen
- Den Text lesen und danach erzählen: Was ist hängen geblieben? Wo liegt in der eigenen Erzählung der Schwerpunkt?
- Was spricht mich an? Was ist unverständlich? Was erregt meinen Widerspruch?
- Was möchte ich näher betrachten: Heilsame Orte und ihre Bedeutung? Die Engellegende? Die Symbolik des Wassers? Die Dauer der Krankheit von 38 Jahren? Die Einsamkeit? Das Bett?
- Welche Personen treten auf? Welche perspektive möchte ich vertiefen: Jesus? Die kranke Person? Die anderen Kranken?
- Was sagt der Text über „Männlichkeit" oder „Weiblichkeit" aus? Kann er auch mit einer Frau Kranker erzählt werden? Was ändert sich dann?
- Was sagt der Text über und für einzelne Menschen? Was sagt er über und für Gemeinschaften?
- Befreit und tröstet dieser Text? In welchem Kontext ?
Quellen:
Dora Rudo-Mbuwayesango, Feministische Bibelwissenschaft in Afrika. In: Elisabeth Schüssler-Fiorenza/Beate Jost, ed., Feministische Bibelwissenschaft im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2015.
Franz Zeilinger, Die sieben Zeichenhandlungen Jesu im Johannesevangelium. Stuttgart 2011.
Joachim Gnilka, Neue Echter Bibel. Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung. Johannesevangelium. Würzburg 1983.
Walter Klaiber, Das Johannesevangelium. Teil 1. Göttingen 2017.
Ludger Schenke, Das Johannesevangelium. Stuttgart/Berlin/Köln 1992
Thomas Söding, ed., Johannesevangelium- Mitte oder Rand des Kanons? Neue Standortbestimmungen. Freiburg-Basel-Wien 2003.
