Verschärfte Konflikte in Familien

Eltern mit kleinen Kindern ...
... klagen ihr Leid. Durch die Krise sind die Unterstützungssysteme weggebrochen. Es gibt keine Kinderbetreuung mehr, weder durch Kindergarten noch Großeltern. Die Partner sind in einer Daueranspannung, es gibt keine Verschnaufpausen und häufig kommt auch noch teilweise die Beschäftigung im Home-Office dazu. So steigt die Spannung stetig und entlädt sich in der Interaktion mit den Kindern oder dem Partner/In. Die Anlässe dabei sind stets nichtig, die Kränkungen auf allen Seiten dagegen leider nicht.

Eine alleinerziehende Mutter ...
... meldet sich bei uns, weil ihre 8-jährige Tochter Konzentrationsprobleme habe, lange für die Hausaufgaben brauche und zudem respektlos gegenüber der Mutter sei. Das geplante Erstgespräch muss aufgrund der Corona-Situation zunächst abgesagt werden. Ich rufe sie einige Zeit später an, um zu fragen, wie es ihr geht in der Situation, jetzt da die Schulen geschlossen sind und nun komplett zuhause gelernt werden müsse, und um einen Telefontermin anzubieten.
Die Mutter ist dankbar über den Anruf und sagt, dass sich die Situation mit ihrer Tochter verschärft habe, da es ja nun um mehr als die üblichen Hausaufgaben gehe. Wir erarbeiten telefonisch Handlungsmöglichkeiten, die eine erste Verbesserung der Situation bringen, wie die Mutter beim nächsten Telefontermin erzählt.

Eine depressive Mutter ...
... muss aufgrund der Kontaktbeschränkungen weitgehend auf das sozialpsychiatrische Versorgungssystem verzichten. Sie ist mit Mann und Sohn in einer kleinen Wohnung isoliert. Es treten familiäre Konflikte auf, insbesondere durch und mit dem 13-jährigen Sohn, der seine Zeit mit exzessivem Medienkonsum verbringt. Die Mutter steht unter hohem Druck; sie weiß nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen soll.

Ein Mann, Anfang 30, ...
... meldet sich mit den Worten „Ich habe es schon überall probiert, ich brauche Hilfe“ zum ersten Mal. Seit 10 Tagen fühle er sich leer, gefühllos, traue sich nichts mehr zu. Er ist verheiratet, hat eine 9-jährige Tochter, seine Frau ist schwanger. Er berichtet von einer depressiven Episode vor 9 Jahren. Große Sorgen bereitet ihm jetzt, dass seine Arbeitskollegen die aktuellen Hygieneregeln nicht einhalten und er deshalb seine Familie nicht vor einer Corona-Infektion schützen kann.
 
Frau, verheiratet, drei kleinere Kinder
Große Angst vor Ansteckung, insbesondere der Kinder, da diese keinen Abstand halten können und alles, was sie finden, in den Mund stecken. Die Auszeiten durch Kita und Schule fehlen ihr, ‚Corona macht mich irre‘, sagt sie. Mit ihrem Mann kann sie nicht ins Gespräch kommen.

Eine Familie ...
... Mutter mit Migrationserfahrung, mit Tochter, Sohn, Vater der Tochter, lebt zusammen in einer Zweizimmerwohnung. Die Mutter meldet sich, weil es zu Konflikten mit Handgreiflichkeiten kommt. Sohn spielt tagsüber bis in die Nacht am PC, macht wenig für die Schule, hat nur über PC-Spiele Kontakt zu Freunden, der Tagesrhythmus geht verloren, zunehmende Konflikte auf engem Raum, wenn er sich beim Computerspielen gestört fühlt.
Bei Telefongesprächen werden Handlungsstrategien erarbeitet. Da sich die Situation nicht verbessert, werden mit der Mutter weitere Hilfen angedacht und es wird mit ihrem Einverständnis das Jugendamt eingeschaltet.
Die Familie wird weiter engmaschig von der Psychologischen Beratungsstelle telefonisch begleitet, bis die Hilfe vom Jugendamt greift.