In der Kraft des Geistes Christi: Spannungen aushalten und Umbrüche gestalten

Bericht des Landesbischofs vor der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden am 19. Oktober 2020 im Kurhaus in Bad Herrenalb

Herr Präsident, Hohe Synode,
sehr geehrte Damen und Herren,
 
wir befinden uns in grundlegenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Vielen Menschen macht das Angst; andere sehen darin eine Chance zur Veränderung. Die Corona-Pandemie hat die Dynamik des Wandels beschleunigt. Zugleich nötigt sie uns dazu, grundlegende Spannungen neu auszubalancieren: zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen dem Schutz des physischen Lebens und der Wahrung der Würde des Lebens, zwischen der Sorge für die Nahen und der Verantwortung für die Fernen.
 
Mein heutiger Bericht fragt, wie wir als Kirche in dieser Lage aus dem Vertrauen auf Christus leben, die gesellschaftlichen Veränderungen (mit-) gestalten und mutig und kraftvoll „Kirche im Umbruch“ sein können.
 
 

I Die Krise

„Kirche kann Krise“ – so lautet der Titel eines aktuellen Flyers der hannoverschen Landeskirche. Kommunal, in der Region wurde von Verantwortlichen aufmerksam wahrgenommen, wie verlässlich und umsichtig die Kirchen in der Krise agierten; regionale Medien berichteten positiv über unser diakonisches und seelsorgliches Handeln und unsere geistliche Präsenz. Anders klangen die Schlagzeilen wichtiger überregionaler Medien: „Wo bleibt die Kirche?“ „Das Schweigen der Bischöfe“.
 
Es ist gut, dass den kritischen Kommentatoren Glauben und Kirche nicht gleichgültig sind; im Gegenteil, sie haben hohe Erwartungen, wie der Glaube in der Krise Halt geben soll. Allerdings messen sie das kirchliche Handeln an einem Idealbild, in dem die Lebenswelt selbstverständlich religiös geprägt ist, z.B. jede*r Sterbende die Begleitung der Kirche wünscht. Der Wandel durch Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung hat aber die öffentliche Bedeutung des Glaubens schon lange vor Corona verändert: Die Zahl der kirchlichen Bestattungen und der Sterbebegleitungen sinkt seit vielen Jahren in den Bezirken unserer Landeskirche kontinuierlich. In der Pandemie haben manche Bewohner*innen im Heimbereich signalisiert, dass sie lieber nicht von Angehörigen, auch nicht von der Pfarrerin, dem Pfarrer besucht werden wollen, da sie Angst vor Ansteckung haben.
 
Es wird noch einiges an Abstand und Forschung brauchen, um angesichts der gegensätzlichen Einschätzungen in der regionalen bzw. der medialen Öffentlichkeit die Frage nach der Bedeutung des kirchlichen Lebens in der Pandemie weiter zu klären.
 
 

II Gehalten in Christus

Die Liebe Christi drängt uns, zu den Menschen und in die Welt zu gehen, den Kontakt zu suchen und Beziehungen zu knüpfen. Auf einmal war das alles so nicht mehr möglich; die Krise hat uns als Kirche tief erschüttert. Umso eindrücklicher war es, wie schnell viele Gemeinden und berufliche wie ehrenamtliche Mitarbeitende mutig, kreativ und besonnen Wege fanden, kirchliches Leben im Lockdown so zu gestalten, dass – unter den Bedingungen, die nötig waren, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern und Leben zu schützen – Menschen im Glauben gestärkt und zur Verantwortung ermutigt wurden: mit online Formaten, mit Briefen und mit (Kinder-) Gottesdiensten „to go“, mit WhatsApp-Gruppen mit Jugendlichen, in der Beteiligung an Nachbarschaftshilfen, mit Besuchen auf der Terrasse und am Fenster, mit Seelsorge am Telefon oder per Chat. Auch die Umstellung der Verwaltung auf Homeoffice, der Aufbau digitaler Kommunikationsstrukturen für die Gremien, die Abstimmung mit der württembergischen Landeskirche und auch mit den Diözesen hat gut funktioniert. Herzlichen Dank allen, die dazu beigetragen haben.
 
Allerdings haben viele von uns auch erlebt und erlitten, was die Beschränkungen für den Glauben und die Gemeinschaft bedeuten: „Wir sind zusammen aufgewachsen – und jetzt kann ich nicht mit zur Beerdigung, weil nur engste Familienangehörige kommen dürfen“, klagte eine Nachbarin. „Im Januar musste ich meinen Mann ins Altenheim geben. Es ging mit der Demenz nicht mehr zu Hause. Ich bin nicht sicher, ob er mich noch erkannt hat, als ich jetzt wieder zu ihm konnte“, berichtete eine Ehefrau. Viele traurige Geschichten erzählen davon, wie Menschen allein gestorben sind, was wir einander und was wir als Kirche schuldig geblieben sind. Unser alltägliches Leben hat „Risse“ bekommen, die schmerzen.
 
Als Kirche müssen wir diese Erfahrungen der Verunsicherung und des Zweifels nicht schönreden; sie gehören zu unserem Glauben. Wir fühlen uns in Christus gehalten; wir glauben, dass gerade durch die Risse das Licht der Liebe Gottes in unser Leben fällt. Das gibt uns die Kraft, wahrzunehmen, dass wir als Kirche nicht immer schon die Antwort haben oder perfekt sind, sondern uns immer wieder neu ausrichten, um an der Bewegung Gottes in dieser Welt teilzuhaben. Im Vertrauen darauf, dass der Geist Christi im Glauben und im Zweifel, im Versagen und Gelingen mit uns geht, stellen wir uns auch unbequemen Fragen: Ob wir mutig genug geredet und gehandelt haben? Ob wir zu sehr mit innerkirchlichen Themen und organisatorischen Problemen beschäftigt waren, statt Kontakt zu denen zu suchen, die in Kurzarbeit gehen mussten oder arbeitslos wurden, die als Selbständige, Künstler, Schausteller, … besonders von der Krise betroffen waren? Wir haben in unseren Lagebesprechungen und auf unserer Homepage immer wieder einen Blick in die Ökumene gerichtet, in unsere Partnerkirchen, auf die Not der Flüchtlinge und die Menschen in den Ländern, die viel stärker betroffen sind, weil sie z.B. von heute auf morgen keine Aufträge mehr in ihren Nähfabriken hatten; sind wir damit unserer Verantwortung für den einen Leib Christi ausreichend gerecht geworden?
 
Im Glauben verstehen wir Leben als Existenz in Beziehung mit anderen Menschen und mit Gott. Es ist mehr als nacktes Überleben. Aber das entwertet unser physisches Leben, unsere leibhaftige Existenz nicht; im Gegenteil! Mit ihr leben wir mit und vor Gott; mit ihr leben und sterben wir wie Christus und in Christus. Schon im April hat der Gerontologe Prof. Dr. Andreas Kruse auf diese soziale und geistliche Grunddimension des Lebens in einem Memorandum hingewiesen, dass er gemeinsam mit mir veröffentlicht hat; ganz früh hat auch Prof. Dr. Gerhild Becker, Leiterin der Klinik für Palliativmedizin an der Universität Freiburg, die ehrenamtliche Pfarrerin unserer Landeskirche ist, in einem ARD Extra betont, dass wir über allem Gesundheitsschutz nicht unsere Verantwortung für ein würdiges, getrostes Sterben in Beziehungen vergessen dürfen und deshalb nicht nur eine gute Intensivmedizin, sondern auch eine starke und tröstende Palliativmedizin brauchen.
 
Die Infektionszahlen steigen derzeit wieder; aber wir wissen inzwischen mehr und sind besser vorbereitet. Deshalb haben Bischof July und ich Anfang Oktober gemeinsam deutlich gemacht, dass wir erwarten, dass Einrichtungen und Heime für Ältere oder Werkstätten für behinderte Menschen nicht wieder komplett abgeriegelt werden. Besuche von Angehörigen und Seelsorgenden und Sterbebegleitung müssen möglich bleiben; der Schutz der körperlichen Gesundheit und die Sorge um ein würdiges Leben und Sterben gehören im Glauben unauflöslich zusammen.
 
 

III Die Pandemie deuten?

Die Verunsicherung durch die Pandemie ist groß. Viele Menschen leiden darunter, dass sie nichts tun können und fühlen sich ausgeliefert. Manche reagieren aggressiv, andere suchen Erklärungen, die die Verantwortung für die Krise auf einzelne Personen oder Menschengruppen abschieben; in diesem Zusammenhang breitet sich auch der Antisemitismus wieder aus. Ich habe in mehreren Briefen an die jüdischen Gemeinden in Baden deutlich gemacht, dass wir als Kirche diesen Tendenzen deutlich widersprechen und alles dafür tun werden, damit jüdische Menschen ohne Furcht in unserem Land leben können.
 
Oft wird in den Überlegungen zur Deutung der Krise an die Zeiten der Pest erinnert. Manche in der Kirche haben damals gepredigt, diese Epidemie sei eine Strafe des zornigen Gottes, vor der nur eine bestimmte Frömmigkeitspraxis schützen könne. Schon damals war das umstritten; ihren Trost haben viele schon damals bei einem Christus mit Pestbeulen gefunden, der auch durch Krankheit und Tod mitgeht.
 
Am meisten zitiert wurde in den vergangenen Wochen wahrscheinlich der Vers aus dem 2. Timotheusbrief: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Christinnen und Christen wissen darum, wie bedroht und zerbrechlich das Leben ist. Aber wir lassen uns nicht von der Furcht vor diesen Unsicherheiten gefangen nehmen! Wir halten die Spannungen aus, die sich nicht auflösen lassen, weil uns der Geist Gottes dazu die Kraft gibt. In dieser Kraft leben wir und übernehmen Verantwortung, nüchtern und besonnen, in dem Wissen, dass wir die Lage nicht im Griff und die Wahrheit nicht gepachtet haben, aber im Vertrauen auf Gott gemeinsam mit anderen einen Weg durch die Krise finden werden.
 
Auch andere biblische Motive haben geholfen: Jeremias „Suchet der Stadt Bestes“ macht Mut, in guter Abstimmung mit den Verantwortlichen in Wissenschaft, Gesellschaft und Staat einen gemeinsamen Weg zu suchen, der sich am Gemeinwohl orientiert. Mich hat ein Bibeltext aus der Lukasapokalypse (Lukas 13) beschäftigt. Er erzählt von einem Gespräch zwischen Jesus und Menschen, die erschüttert und ängstlich über zwei Katastrophen reden: Pilatus hat Juden brutal umbringen lassen, während sie Gottesdienst feierten. Im Südosten von Jerusalem ist ein Turm eingestürzt und hat 18 Bauarbeiter unter sich begraben. Warum geschieht das? „Wir verstehen das nicht, Jesus!“ In seiner Antwort weist Jesus zunächst jede Form von Erklärung zurück, die sich selbst mehr Sicherheit und Klarheit verschaffen will, indem sie anderen Schuld zuweist; so wie wir das derzeit bei manchen Teilen der Querdenker erleben.
 
Stattdessen erzählt Jesus das Gleichnis vom Feigenbaum, der keine Frucht trägt. Der Gärtner trotzt dem Besitzer des Baumes eine Zukunft für diesen Feigenbaum ab, durch Geduld und Hoffen, aber auch ganz nüchtern durch Hacken und Düngen. So öffnet sich mit Herz und Vernunft ein Weg in die Zukunft.
 
 

IV Aufbrechen

Die Corona-Pandemie hat das kirchliche, insbesondere das gottesdienstliche Leben in den letzten Monaten radikal verändert. Einige Wochen haben wir fast nur digital Gottesdienste feiern können; Seelsorge und Besuche waren nur unter strengen Auflagen möglich; Gruppen und Kreise, Chöre und Posaunenchöre fielen über lange Zeit aus, einige Gruppen werden sich wohl nicht mehr wieder treffen. Die Einschaltquoten bei Fernsehgottesdiensten sind in dieser Zeit stark gestiegen und haben sich inzwischen auf hohem Niveau stabilisiert. Vor Ort haben sich neue digitale und analoge Formate eingespielt. Nach meinem Eindruck liegt aber über den Gottesdiensten, die jetzt wieder „analog“ mit großem Abstand in den Kirchen gefeiert werden, vielfach eine gewisse Schwere.
 
Viele haben in diesen Entwicklungen Chancen für Erneuerung und Kreatives entdeckt: Endlich konnte man von Veranstaltungen Abschied nehmen, bei denen schon lange Zweifel bestanden, ob sie eigentlich nötig sind. Es entstanden Freiräume, Neues auszuprobieren, kürzere, interaktive Formate. Personen kamen in den Blick, für die eine andere Terminierung, formale oder inhaltliche Gestaltung attraktiv war. Allerdings ist auch deutlich geworden, wie aufwändig es ist, Online-Formate zu gestalten; deshalb kann es in Zukunft nicht einfach um eine Addition gehen.
 
Noch liegen keine eindeutigen Erkenntnisse vor, wie Online-Gottesdienste angenommen werden und Menschen erreichen. Viele wurden von deutlich mehr Menschen angeklickt, als normalerweise sonntags vor Ort Gottesdienste feiern. Wie lange die Personen zugeschaut haben, ob sie zwischendurch eher mal aufgestanden sind, um einen Kaffee zu holen, ob sie mitbeten und mitsingen, ob sie sich gestärkt gefühlt haben, ob sich eine Verbundenheit mit Kirche einstellt, – über all das gehen die Erkenntnisse noch auseinander. Eine Erfurter Studie geht davon aus, „dass mediale Angebote vor allem unter verbundenen Kirchenmitgliedern Anklang finden“; andere betonen, dass endlich ganz andere Milieus erreicht wurden. Manche berichten, dass die Menschen IHRE Kirche und Ihre Pfarrerin sehen wollen; wieder andere kritisieren, dass in vielen Online-Gottesdienste der „Pfarrer im Vordergrund“ stehe und es entscheidend sei, die spezifischen interaktiven und partizipativen Elemente dieses Formats zu stärken, statt nur das Alte abzufilmen. Viele bisherige Fragen beschäftigen uns auch bei digitalen Formaten: Was hält Menschen in einer Zuschauerhaltung, was berührt sie, wann gewinnen sie im Gottesdienst eine neue Freiheit sich selbst und Anderen gegenüber? Wie gehen wir mit der Milieubindung des Gottesdienstes und insbesondere der Musik im Gottesdienst um?
 
Kirche ist Gemeinschaft der Verschiedenen im einen Leib Christi: Deshalb muss es uns im Analogen wie im Digitalen darum gehen, die gesellschaftliche Tendenz zur Singularität und zur Segmentierung aufzulösen und Begegnungen und Gemeinschaft auch und gerade mit denen zu ermöglichen, die uns fremd sind; sie sind uns in Christus verbunden.
 
Geht etwas verloren, wenn wir uns nur in digitaler Distanz begegnen können: Wie betet es sich vor dem Bildschirm? Lässt sich die Kraft der Stille online erleben? Wie erfahren wir die Anderen, wenn wir ihre Gesten und ihren Körper nicht leibhaftig begegnen? „Buch und Bildschirm spucken nicht.“7 Fehlt etwas, wenn Christus den Gelähmten nicht berühren würde? Wenn nicht die Pfarrerin bei der Taufe dem Kind das Wasser über den Kopf gießt, wenn der Bischof beim Ordinieren nicht die Hände auflegt? Christus ist wahrer Mensch geworden, war leibhaftig, verwundbar, sterblich unter uns präsent. Darin steckt eine großartige Wertschätzung unserer Körper; wir sind als einzelne wie als Gemeinschaft eine „Körperkirche“. Deshalb müssen wir in den nächsten Jahren aufmerksam wahrnehmen und gestalten, wie wir im kirchlichen Leben mit unseren Körpern umgehen.
 
In der Corona-Pandemie haben viele neu den Wert von Kasualien entdeckt. In ihnen geht es immer darum, dass der Segen leibhaftig erfahrbar wird. Sind sie deshalb nicht digitalisierbar?9 Und wie ist das beim Abendmahl? Was bleibt von der Verheißung: „Sehet und schmecket wie freundlich der Herr ist!“, wenn wir „communion cups“ austeilen, kleine Plastikbehälter, die etwas Wein und eine Oblate enthalten? Was bleibt von der herausfordernden Gemeinschaft des Leibes Christi, in die wir gerufen sind: Judas teilt mit Jesus an Gründonnerstag Brot und Wein, auch wenn er auf manchen Abendmahlsbildern fehlt? Auch hier zeigt sich, dass die Fragen an analoge und digitale Formate weniger nicht weit auseinanderliegen, als manche Debatte unterstellt; sie sind beide „vorläufige“ Formen, die wir auf dem Weg zu dem großen Mahl feiern, zu dem alle kommen von Osten und Westen, von Süden und Norden, um mit Christus zu Tisch zu sitzen.
 
Die Corona-Zeit ermöglicht und zwingt uns dazu, über unser gottesdienstliches Leben nachzudenken. Dazu sollten wir uns Zeit nehmen, unsere Erfahrungen austauschen und uns gegenseitig zuhören, vor allem auch den Menschen, die mit uns ihr geistliches Leben gestalten wollen; manche nur selten, etwa aus Anlass ihrer Hochzeit, manche ganz regelmäßig. Ich bin froh, dass viele Verantwortliche in unseren Gemeinden und Einrichtungen überlegen, wie wir unter den Bedingungen der Pandemie so Weihnachten feiern können, dass viele Menschen mitfeiern und mitsingen können: sicherlich mit Online-Angeboten, aber eben auch im Freien auf dem Marktplatz, in Turn- oder Stadthallen, ökumenisch, auf dem Land vielleicht in großen Scheunen.
 
 

V Sich stärken lassen

„Ich zieh‘ eine Maske an, weil das Leben retten kann!“ Mehrere hundert Menschen zogen am Tag der deutschen Einheit durch die Konstanzer Innenstadt und skandierten diesen Satz. Keine Botschaft gegen andere, keine Parole, sondern ein klares und persönliches Signal: Hier sind Menschen unterwegs, denen das Leben DER ANDEREN wichtig ist.
 
Eine Woche vorher stand ich mit 3500 Menschen im Rahmen von Fridays for Future in einer Kette von Ost nach West vorbei am Karlsruher Schloss. Sie hatten handgemalte Schilder dabei mit persönlichen, manchmal witzigen, manchmal mahnenden Sätzen: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist – nur dass sie so bleibt.“
 
Es sind an beiden Orten überwiegend jungen Leute, die wir in der Kirche oft vermissen. Sie sind bunt zusammengewürfelt und wenig organisiert; sie sind mit viel Schwung unterwegs und persönlich hoch identifiziert und engagiert. Das war mir schon bei meinen Schulbesuchen im Reformationsjahr 2017 aufgefallen: Der (angebliche) Luther-Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ übt auf viele Jugendliche eine große Faszination aus. Ich habe auch in Konstanz und Karlsruhe dieses starke Vertrauen in die Zukunft gespürt und den Wunsch, sich nicht von einem mutlosen „Hauptsache ich“ oder „Irgendwie kommen wir schon durch“ abspeisen zu lassen, sondern persönlich Verantwortung zu übernehmen, um diese Zukunft zu gestalten.
 
Was heißt das für uns als Kirche?
 
Die beiden Begegnungen haben mein Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes bestärkt: Diese Kraft begegnet uns nicht nur in unseren Kirchen, sondern überall dort, wo Menschen gemeinsam aus einem tiefen Vertrauen in die Würde des Menschen und eine Zukunft in Gerechtigkeit die Welt gestalten. Immer wieder weist Christus uns in biblischen Geschichten auf solche Bewegungen hin, nicht nur beim barmherzigen Samariter. Wenn wir wissen wollen, wie Christus heute unter uns Gestalt gewinnt, müssen wir zu den Menschen gehen, ihnen zuhören, uns mit ihnen gemeinsam auf die Suche machen: Wohin will uns der Geist Gottes führen? Wie können wir die Bewegung Christi aufnehmen und uns von ihr mitreißen lassen?
 
In diese Suchbewegung haben wir viel einzubringen: Wir leben aus einem Gottvertrauen, das uns aus der Furcht herausführt. Wir halten Spannungen aus, die nicht auflösbar sind, und bleiben auch mit denen verbunden, die anderer Meinung sind. Der Geist Gottes gibt uns die Kraft, innezuhalten und vermeintliche Sachzwänge zu unterbrechen. Er schenkt uns die Freiheit, uns selbst zugunsten des Miteinanders im einen Leib Christi zurückzunehmen, in dem wir in aller Verschiedenheit zusammengehören. Er macht uns Mut, mit unserer Verletzlichkeit und Endlichkeit zu leben. Wir leben nicht für uns selbst, sondern tragen (großzügig) den Segen Gottes als Gemeinschaft in diese Welt!

 

 

VI Sich neu vernetzen

Wir leben auch in Corona-Zeiten in der Kraft des Geistes Christi; aus unserem Gottvertrauen gestalten wir die gesellschaftlichen Veränderungen mit. Aber auch für uns als Kirche hat die Pandemie die Überlegungen und Anstrengungen im Blick auf die Gestaltung unserer „Kirche im Umbruch“ beschleunigt. Ich möchte Ihnen heute erste konzeptionelle Überlegungen dazu weitergeben, die in einer Arbeitsgruppe und im Erweiterten Kollegium im Evangelischen Oberkirchenrat entstanden sind:
 
„Kirche im Umbruch“ fragt nach der zukünftigen Ausrichtung und Organisation unserer Landeskirche. Sie hat im Blick, dass wir als Kirche Anteil haben an den grundlegenden Umbrüchen in der Gesellschaft (Globalisierung, Digitalisierung, Entkarbonisierung, …). Vor allem aber vertraut sie darauf, dass der dreieinige Gott selbst ein Gott in Bewegung ist und uns und unsere Kirche verwandeln will: Das Reich Gottes ist mitten unter uns!
 
Christlicher Glaube begegnet uns nicht nur in Gestalt kirchlicher Praxis, sondern auch in privaten und öffentlichen Formen, die miteinander und mit anderen zusammenwirken. Auf allen drei Ebenen spielen besondere Zeiten und Anlässe, Räume und Orte, Geschichten und Themen, Beziehungen zu Personen und Gruppen ebenso wie die klassischen kirchlichen Arbeitsfelder (Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, Bildung, Mission, Ökumene, …) eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Glaubens; dabei ist grundlegend: Glaube gedeiht, wo er in lebensweltlich relevanten Netzwerken verankert ist oder sie initiiert.
 
Schauen wir in dieser Weise auf die kirchliche Landschaft, entdecken wir vielfältige Formen der religiösen Kommunikation und der Beteiligung am kirchlichen Leben. Sie alle, auch distanziertere Formen der Kirchlichkeit bis hin zum Abbruch der Beteiligung, sind aufmerksam und wertschätzend unter der Frage wahrzunehmen, wie Christus unter uns Gestalt gewinnt, aber auch wann und warum es zu Abbrüchen in der Glaubensbiografie kommt und wie neue Formen des Glaubens gefördert werden können. Es gilt Kontaktflächen zu suchen und zu pflegen (in Kasualien, aber auch in neuen, z.B. digitalen Formen), zugleich aber das Spezifische des christlichen Glaubens, eigene Perspektiven (Orientierung an denen, die nicht für sich sorgen können, …) und notwendige Grenzziehungen selbstbewusst in die öffentlichen Diskurse einzubringen. In der „Kirche im Umbruch“ werden die Engagierten aus ihrer Gemeinschaft heraus mit und für andere Kirche gestalten, denen Glauben und Kirche fremder sind (Vesperkirche, Besuchsdienste, …); dabei sind Großzügigkeit und Gastfreundschaft wichtige Kennzeichen kirchlicher Existenz.
 
Die Evangelische Kirche in Baden versteht sich nach ihrer Grundordnung als Kirche, die „die Botschaft von der freien Gnade Gottes an alles Volk“ (Barmer Theologische Erklärung, These VI) ausrichtet. Sie übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft und organisiert sich so, dass sie öffentlich und in der Fläche präsent bleibt. Dabei bilden der Sozialraum und die Vernetzung mit den kommunal und zivilgesellschaftlich relevanten Akteuren den entscheidenden Ausgangspunkt für die Präsenz vor Ort bzw. in der Region.
 
Ein Schlüssel für „Kirche im Umbruch“ ist es, die verschiedenen kirchlichen Orte oder besser: Präsenzen von Kirche in einem Sozialraum in den Blick zu nehmen. Dazu gehören u.a. Gemeinden, diakonische Einrichtungen, Religionsunterricht, „pop-up-churches“, Kitas, offene Kirchen, mediale Präsenzen, Seelsorge in Kliniken und Gefängnissen usw. Zwischen ihnen brauchen wir eine soweit wie möglich verlässliche Kooperation im Blick auf die Regionen, denen in Zukunft in unserer Landeskirche ein stärkeres Gewicht zukommen soll.
 
Was zeichnet Regionen aus? Sie orientieren sich an den Lebensräumen der Menschen und vorgegebenen Strukturen (z.B. Kommune, Schulbezirk und Regionalteil einer Zeitung). Sie verbinden mehrere Gemeinden in diesem Bereich und die eben genannten anderen kirchliche Präsenzen, eine entsprechende Zahl von beruflich Tätigen und ein gemeinsames Kirchenbüro. Sie verantworten eine gemeinsame öffentliche Darstellung und eine schnelle und verlässliche Erreichbarkeit im Blick auf Seelsorge und Kasualien. Sie ermöglichen einen effizienteren Einsatz von Ressourcen und im Blick auf die Mitarbeitenden eine gabenorientierte Zusammenarbeit.
 
In allen Netzwerken legt die Evangelische Landeskirche in Baden ein besonderes Gewicht darauf, „unerwartete“ Begegnungen zwischen Milieus zu ermöglichen und Räume zu eröffnen, in denen auseinanderdriftende Segmente unserer Gesellschaft entdecken, dass sie wechselseitig aufeinander angewiesen sind und Verantwortung dafür tragen, das Gemeinwesen zu stärken.
 
Netzwerke sind zentral wie dezentral schwer zu steuern; sie entwickeln sich im Zusammenspiel der beteiligten Personen, Ebenen und Strukturen mit einem hohen Maß an Autonomie. Maßgeblich ist, welche kirchliche Präsenz auf welcher Ebene am besten gesteuert werden kann. Wir werden auf allen Ebenen unser Verständnis von Leitung weiterentwickeln müssen in Richtung Fehlerfreundlichkeit, Partizipation und Transparenz; wir sollten verstärkt nach Fremdwahrnehmungen fragen und Scheitern weniger als Niederlage, sondern als Erkenntnisgewinn und Aufforderung zum Nachsteuern sehen.
 
Regionalisierung, Kooperation und Vernetzung im Sozialraum werden zu Leitbegriffen für „Kirche im Umbruch“. Sie betreffen die Organisation und die (rechtlichen) Strukturen, insbesondere auch die Serviceorientierung der Verwaltung, aber auch die schnelle und verlässliche Erreichbarkeit der Kirche in der Region. Sie kennzeichnen die Perspektive für die berufliche und ehrenamtliche Mitarbeit, auf der wir mehr Diversität anstreben und eine verbindliche Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams und mit den ehrenamtlich Engagierten. Sie hat einen weiten ökumenischen Horizont und sucht Kooperationen für eine ökumenische Nutzung von Gebäuden und anderen Ressourcen, aber auch im Miteinander mit anderen kommunalen, regionalen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Die Digitalisierung eröffnet dabei neue Möglichkeiten der Kommunikation und der Vernetzung.
 
Für die Landeskirche und gerade auch die Landessynode verbinden sich damit neue Perspektiven der Ressourcensteuerung: Wir werden unsere bisherigen Präsenzen unter strategischen Perspektiven gewichten müssen, sei es im Blick auf die Arbeitsfelder durch die im Rahmen des Prozesses zur strategischen Ausrichtung und Ressourcensteuerung geplante Umfrage, sei es im Blick auf das Verhältnis von personaler und gebäudlicher Präsenz, auf die Frage der Mittelverteilung zwischen ländlichen Gebieten, Metropolregionen und Städten, zwischen Zentrale und Fläche usw. Grundentscheidungen werden dann weiter zu differenzieren sein, z.B. Kirchen statt Gemeindehäuser; Förderung des Festtagskirchgangs; beim Personal: mehr Zeit für Kasualien, weniger für Gruppenleitung usw. Knoten sollten gestärkt werden, die viele Verbindungen knüpfen und deren Verbindungen – auch sekundär und tertiär – viele weiteren Knoten beeinflussen (Projekte: Schule und Gemeinde, seelsorgliche Kirche, …). Nicht überall muss alles gemacht werden, wichtig ist eine gute, regionale Abstimmung.
 
Kriterien, welcher Form kirchlicher Präsenz welche Ressourcen zur Verfügung stehen sollten, könnten u.a. sein:
 
  • die Zahl der Menschen, die erreicht werden oder sich (mehr oder weniger) zugehörig fühlen;
  • das geleistete Engagement und die akquirierten Mittel;
  • die Verlässlichkeit und Erreichbarkeit;
  • die Erkennbarkeit: Wie deutlich wird hier der Glauben gestärkt und zur Verantwortung ermutigt?
  • die Kontextualität und Ausstrahlungskraft: Inwieweit antwortet ein kirchlicher Ort auf die Herausforderungen, die sich vor Ort konkret zeigen? Wie sehr wird der kirchliche Ort von den anderen Akteuren im Sozialraum geschätzt und eingebunden?
  • die Vernetztheit mit anderen Akteuren;
  • die Besonderheit: Werden Menschen erreicht, die von anderen kirchlichen Orten kaum erreicht werden? Wird hier eine Aufgabe wahrgenommen, die grundlegend für die Kirche ist, auch wenn sie gesellschaftlich, vielleicht sogar innerkirchlich sehr umstritten ist? Wird ein Thema stellvertretend öffentlich sichtbar für die gesamte Kirche bearbeitet? Kommt hier eine innovative Form kirchlicher Existenz zur Darstellung, die Impulse für die ganze Kirche setzen kann?
Mit dieser Konzentration auf Regionalisierung, Kooperation und Vernetzung verbindet sich die Frage, wie es in Zukunft zu einer angemessenen (synodalen) Form der Repräsentation der vielfältigen Formen kirchlicher Präsenz in den kirchlichen Gremien, etwa in der Bezirkssynode kommen kann. Auch die Ressourcenverteilung muss möglicherweise neu zwischen lokal, regional, Bezirk und Landeskirche austariert werden; dabei wird es gut sein, eine Balance zu halten zwischen einer sich an wenigen Parametern orientierenden gleichmäßigen Verteilung und einem Anreizsystem.
 
„Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Aus der Kraft dieses Geistes leben wir in den Spannungen, die unsere Gesellschaft prägen, und übernehmen Verantwortung. In dieser Kraft gestalten wir Kirche und vertrauen darauf, dass Christi Liebe uns trägt.
 
 
Den Bericht können Sie hier als PDF nachlesen: