Predigt in zwei Teilen: Teil 1 Landesbischof Fischer
Zu Gen 3,1ff
Liebe Schwestern und Brüder,
am Abend dieses Tages badischer und elsässischer Pfarrerinnen und Pfarrer erwartet Sie eine deutsch-französische Predigt in zwei Teilen. Ein Predigen über Sprach- und Staatsgrenzen hinweg in fast dialogischer Weise. Kirchenpräsident Collange und ich werden von jeweils unterschiedlichen exegetischen Zugängen her das Bibelwort aus dem 1. Mosebuch auslegen und auf aktuelle Problem- und Fragestellungen in unseren Kirchen und Ländern beziehen.
Grenzenlose Freiheit?
Ich beginne, indem ich uns in Erinnerung rufe, dass die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies zu jenen ersten 12 Kapiteln der Bibel gehört, mit deren Hilfe Menschen sich rätselhafte Erscheinungen des Lebens und den Sinn menschlicher Existenz erklärten. Vom Glauben geprägte erklärende Weltdeutung – das ist die Absicht dieser Urgeschichten. Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies antwortet auf mehrere Menschheitsfragen, die sich in der einen Frage zusammenfassen lassen: Warum ist der von Gott geschaffene Mensch ein von Tod, Leid und Mühe begrenzter Mensch? Warum ist sein Leben so widersprüchlich? Und die Antwort der biblischen Erzählung lautet: Menschliches Leben ist widersprüchlich, weil der Mensch die Risiken seiner Freiheit nicht beherrscht. Dem Menschen ist ein Gebot gegeben und damit auch die Freiheit, dieses zu befolgen oder ihm zuwider zu handeln. Der mit Vernunft und Entscheidungsfreiheit ausgestattete Mensch, der Adam, überschreitet die ihm von Gott gesetzte Grenze. Er will grenzenlos werden wie Gott. In diesem grenzüberschreitenden Tun ist er selbst verantwortlich für seinen Missbrauch der Freiheit und deren Folgen.
Würde menschlicher Freiheit
Was das konkret für uns in Deutschland bedeutet, wurde mir schlagartig klar, als im März dieses Jahres ein Tsunami Japan heimsuchte und im Atomreaktor von Fukushima schwerste Schäden anrichtete. Dieser Reaktorunfall mit bis heute noch unausdenkbaren Folgen für große Teile der Bevölkerung Japans löste in der deutschen Politik ein Erdbeben ganz anderer Art aus. Bundeskanzlerin Merkel berief eine Ethik-Kommission „Sichere Energieversorgung“ ein, von deren Arbeit sie sich eine konsensfähige ethische Begründung für einen baldigen Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie erhoffte. Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland in dieser Ethik-Kommission mitzuarbeiten, war für mich eine besondere Herausforderung. Dass die Kommission Ende Mai ihre Arbeit in einem großen Konsens mit der Empfehlung zum Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2021 abschließen konnte, war ein großer Erfolg. Die Energiewende unserer Bundesregierung hat bei unseren französischen Nachbarn in Paris Kopfschütteln ausgelöst, viel Verständnis allerdings im Elsass, wo das Atomkraftwerk Fessenheim mit seiner Störanfälligkeit Menschen diesseits wie jenseits des Rheins große Sorgen bereitet.
"Nun mag die (...) Energiewende von politischem Kalkül geprägt sein. Für mich aber ist sie weit mehr. In ihr drückt sich die Lernfähigkeit des Menschen aus, seine ihm von Gott geschenkte Freiheit demütig zu gebrauchen."
Während der Kommissionsarbeit kam mir immer wieder jene Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies in den Sinn. Ich habe sie neu lesen gelernt als eine Geschichte von der missbrauchten Freiheit des Menschen. Ja, wir Menschen sind mit ungeahnten Möglichkeiten ausgestattet. Unsere technischen Errungenschaften und die Naturwissenschaften haben uns unglaubliche Fortschritte beschert. Zugleich aber haben sie den Wahn in uns gesteigert, alles beherrschen zu können. In der Freiheit des Denkens und Forschens gelingt es uns, immer neue Grenzen zu überschreiten. Aber jeder Erkenntnisgewinn führt uns zugleich hinein in neue Widersprüchlichkeiten. In fast jedem Fortschritt menschlichen Denkens ist Lebensdienliches unentwirrbar mit Lebenszerstörendem verbunden. Erweitertes Wissen ist oft zugleich ein „Verschlimmerungswissen“, das uns ratlos fragen lässt: Was ist wirklich gut, was wirklich böse? Was dient wirklich dem Leben, was ist schädlich? Und wo überschreiten wir die uns von Gott gesetzten Grenzen in selbstherrlicher Weise? Die Katastrophe von Japan ist ja nicht nur eine nationale und globale Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Es ist ja auch ein Lehrstück über den Mangel menschlicher Demut und den Wahn menschlicher Grenzüberschreitungen, die nicht ungestraft bleiben. Nun mag die von unserer Bundesregierung apostrophierte und in Frankreichs politischer Führung nicht verstandene Energiewende von politischem Kalkül geprägt sein. Für mich aber ist sie weit mehr. In ihr drückt sich die Lernfähigkeit des Menschen aus, seine ihm von Gott geschenkte Freiheit demütig zu gebrauchen. Genau diese Demut macht die Würde menschlicher Freiheit aus.
Freiheit verantwortlich einüben
Die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies lehrt uns die Würde der Demut neu zu schätzen. Sie lehrt uns, wie schwer die Bürde einer missbrauchten Freiheit sein kann und dass der Mensch unter dieser Bürde zu leiden hat. Der Mensch ist eben einer, der seine Freiheit eins ums andere Mal missbraucht. Und obwohl dies eine erschütternde Erkenntnis ist, endet die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies nicht als eine Strafgeschichte, sondern als eine tröstliche Bewahrungsgeschichte. Denn überraschender Weise lässt Gott die dem Menschen angedrohte Todesstrafe nicht vollziehen. Nicht nur das: Am Ende der Geschichte wird sogar davon berichtet, dass Gott selbst dem Menschen Röcke von Fellen machte und sie ihnen anzog, um ihnen ihre Scham zu nehmen. Er vertreibt ihn aus dem Paradies. „Jenseits von Eden“ darf der Mensch weiterleben, vergänglich zwar und unter Mühen und Leiden, aber geschützt von Gott. So endet die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies zwar in tiefer Trauer: Der Mensch, der im Paradies ganz umgeben hätte sein können von Gottes Fürsorge hat sich in seinem Freiheitsdrang dieser Fürsorge Gottes selbst entzogen. Er erfährt sich fern von Gott. Und dennoch ist die Untreue des Menschen letztlich umschlossen von der Treue Gottes. Diese Treue Gottes soll und darf der Mensch nicht als Freibrief für weiteren Missbrauch seiner Freiheit verwenden. Diese Treue Gottes kann ihn vielmehr immer neu ermutigen, seine Freiheit verantwortlich einzuüben.
Menschen zu solchem verantwortlichen, demütigen Umgang mit der Freiheit zu ermutigen, das ist unser Amt, liebe Schwestern und Brüder. Schenke uns Gott Kraft, dass wir unser Amt verantwortungsvoll und demütig ausüben. Amen.
