Informationen für Gemeinden
Das Jubiläum feiern vor Ort: Geschichte „entdecken“ in der Gemeinde
Die Landeskirche feiert „Geburtstag“ und bedenkt 200 Jahre Geschichte – und daran partizipieren auch die Gemeinden. Ortskirchengeschichten können sehr unterschiedlich sein: Manche Gemeinden sind bereits vorreformatorisch gegründet, manche sind zu unterschiedlichen Zeiten zu „Baden“ hinzugekommen, andere sind von Flüchtlingen gegründet worden, weitere sind Gründungen auf Grund von Bevölkerungswachstum und Zuzug im 19. und 20. Jahrhundert – und einige haben sogar die feierliche Unionsgründung am 28. Oktober 1821 miterlebt. In kleineren Gemeinden auf dem Land sind andere Geschehnisse wichtig gewesen als in städtisch geprägten Kontexten. Frömmigkeitsprägungen waren und sind regional unterschiedlich.
Es wäre wünschenswert, dass in und für Gemeinden Veranstaltungen angeboten werden, noch mehr, dass Gemeinden und ihre Glieder selber aktiv werden, dass man also nicht nur etwas vom Jubiläum „hat“, sondern es aktiv und innovativ gestaltet und so Gemeinde stärkt.
Jubiläen sind gute Gelegenheiten für öffentliche Veranstaltungen. Die Landeskirche unterstützt dabei die Gemeinden. Landeskirchliche Angebote für Gemeinden sind beispielsweise:
Das Religionspädagogische Institut stellt eine Wanderausstellung (mit didaktischem Begleitheft von Dr. Uwe Hauser) zur Verfügung (vgl. die Rubrik „Wanderausstellung“). Im Rahmen einer solchen Ausstellung in der Kirche, im Gemeindehaus oder in einer kommunalen Einrichtung (etwa auch das Heimatmuseum, mit dem kooperiert werden kann) könnten historische oder aktuelle Vorträge angeboten werden – ein ReferentInnenpool ist hier online zugängig.
Um thematische Akzente zu setzen, könnten neben historischen Themen auch solche der Kirche (Ekklesiologie) aufgerufen werden: Grund der Kirche, Einheit der Kirche, Ökumene vor Ort und Ökumene weltweit. Erstaunlicherweise erweist sich die Lektüre und die Auseinandersetzung mit dem Gründungsdokument unserer Landeskirche, der Unionsurkunde von 1821, als durchaus ertragreich. Den Text der Unionsurkunde, davon ausgehende Impulse für aktuelle Fragestellungen sowie eine Predigtreihe zu Themen der Unionsurkunde finden Sie auf dieser homepage.
Gemeinden könnten gastfrei die ökumenischen Partner vor Ort einladen und beteiligen. Für den 29. Oktober 2021 bieten die Evangelischen Frauen in Baden ein Modell eines Unionsmahles auf Bezirksebene. Dazu wird eine Broschüre – auch online – erhältlich sein.
Gerade auch für leitende Gremien in der Gemeinde und für theologisch Interessierte wäre eine Beschäftigung mit dem Bekenntnis interessant. Welche Bekenntnisse gelten in der Kirche, in unserer Landeskirche? Welche Bedeutung, welchen Rang und welche Funktion haben sie? Führen die Bestimmungen von Bekenntnissen diejenigen zusammen, die gemeinsam bekennen, oder grenzen sie eher ab und andere Menschen aus? Im Band II der aktuellen Ausgabe der Bekenntnisschriften der Evangelischen Landeskirche in Baden, einem Kommentarband, finden sich zahlreiche Informationen und Anregungen.
Ein theologischer Akzent könnte auch auf das Abendmahl gelegt werden, weil dieses zur Unionsgründung theologisch strittig war und die gemeinsame Praxis organisiert werden musste. Das 2020 erschienene „Werkbuch Abendmahl“ bietet zahlreiche Anregungen und Ideen. Hier könnte man sich des Jubiläumsweines und des Unionslaibes bedienen (vgl. hierzu zur gegebenen Zeit die entsprechende Rubrik dieser homepage). [Die EKD-Orientierungshilfe von 2003 wird zurzeit ergänzt durch ein neues Wort, das die EKD wohl 2020 veröffentlichen wird.]
Gemeinden wenden sich ihrer Geschichte oft zu, wenn ein Jubiläum vor Ort ansteht: entweder ein Jubiläum der Gründung der Kirchengemeinde, des Kirchengebäudes oder ein Jubiläum der Kommune. Auch das landeskirchliche Jubiläum 2021 ist ein Anlass, sich mit der Geschichte der Kirche vor Ort zu befassen. In vielen Gemeinden gibt es bereits ältere oder auch aktuelle Literatur zur Ortskirchengeschichte – und falls nicht: Möglicherweise lassen sich ja Engagierte dafür gewinnen, sich auf Spurensuche zu begeben. Die eigene Gemeindegeschichte könnte thematisiert werden: im Ältestenkreis, in Gemeindegruppen, in der Bildungsarbeit, auf dem Gemeindefest u.v.a.m.
Im Gemeindebrief könnte in mehreren Teilen von der Union 1821, von landeskirchlichen Ereignissen der zurückliegenden 200 Jahre, aber eben auch von kirchengemeindlichen Ereignissen berichtet werden: vom Frauenverein, von der Gründung einer „Kinderbewahranstalt“ (Kindergarten), der ersten Gemeindeschwester, von Kirchenwahlen in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, von neuen Glocken (interessant möglicherweise die Inschriften!), von Verirrungen oder vom Mut im Dritten Reich, von den Kriegsschrecken und der Situation 1945, von Reformen in den 70ern und zivilgesellschaftlichem Engagement um 1980, von der Partnerschaft mit einer Gemeinde in Brandenburg – um nur wenige Beispiele zu nennen. Schauen Sie einmal nach: im örtlichen Gemeindearchiv, in den gemeindlichen Räumen, in der Kirche (in vielen Sakristeien hängt eine Ahnengalerie der Pfarrer und Pfarrerinnen). Vier schöne Beispiele für die Unionsgründung:
1. Abendmahlsgeschirr: In Nussbaum (bei Pforzheim) wurde nach 1821 eine neue Patene (Brotteller) beschafft, da auf der alten nur Oblaten lagen und man jetzt eine größere für das in längliche Stücke geschnittene Weißbrot brauchte.
2. Gedenktafel: In der Sakristei der Peterskirche Weinheim hängt eine 1x2m große Unionstafel – geschrieben steht Psalm 133,1.3: „Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich.“
3. Kirchenfenster: In Wiesloch erinnert ein Kirchenfenster aus dem Jahr 1906 an die Vereinigung von Lutheranern und Reformierten, indem Martin Luther und Johannes Calvin abgebildet werden.
4. 1921 wurde über einen Eingang der Christuskirche in Karlsruhe ein Gedenkrelief errichtet, das die Jahreszahlen 1821 und 1921 bietet sowie das Wort aus Epheser 4,3: „Seid fleissig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“.
Manchmal erhielten auch Kirchen (Unionskirche, MA-Käfertal) oder andere Gebäude (Gemeindehäuser oder Häuser von Werken, etwa das UnionsHaus Käfertal, Evangelische Pflegedienste Mannheim) entsprechende Namen und Bezeichnungen. Möglich sind auch andere bauliche Veränderungen: Größere Kirchen wurden gebaut, kleinere aufgegeben – an manchen Orten gibt es dagegen noch das ursprünglich reformierte und das ursprünglich lutherische Kirchengebäude.
Ortskirchengeschichte kann spannend sein. In der Rubrik „Gemeindebrief“ werden einige Beispiele zur landeskirchlichen Geschichte zur Verfügung gestellt. Daran können sich dann örtliche Episoden anschließen. Diese Artikel sind auch für gemeindliche Homepages brauchbar.
Gemeindegruppen können aktiviert werden, um Gedenken zu sichern und „Geschichte aufzuräumen“. In vielen Gemeinden gibt es Monumente und Gedenksteine (s.u.) – zu denen natürlich auch die bekannten „Stolpersteine“ gehören – und Grabsteine, nicht nur auf den Friedhöfen, sondern auch in den Kirchen: für frühere Pfarrer, Diakonissen, Patronatsherren, ebenso Kriegsgräber. Im Männerkreis – aber auch in Klassen mit älteren SchülerInneN – könnte man sich mit deren Biographien und deren Epoche beschäftigen und anschließend könnte das Grab gepflegt, der Grabstein geputzt oder gar restauriert werden.
Schließlich seien noch zwei Möglichkeiten genannt, wie aus den kirchlichen Begrenzungen herausgegangen werden kann:
Badischer Protestantismus by the way: Viele Straße tragen den Namen von Personen. Immer wieder sind auch ProtestantInnen so im öffentlichen Raum in Erinnerung geblieben. Die BewohnerInnen einer Straße, die nach Akteuren der badischen Kirchengeschichte seit der Union 1821 benannt sind (Johann Peter Hebel, Regine Jolberg, Aloys Henhöfer, Carl Ullmann, Carl Mez, Karl Dürr, Hermann Maas, örtliche Pfarrer u.v.a.m.), könnten eingeladen werden. Schauen Sie einmal das Straßenverzeichnis Ihres Ortes durch. Und vielleicht findet sich sogar einE GastgeberIn in dieser Straße. Bei einer solchen Zusammenkunft kann anhand der namengebenden Person der Straße der badische Protestantismus präsentiert werden – und vielleicht entsteht dadurch auch so etwas wie ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl der AnwohnerInnen dieser Straße.
Protestantismus lokalisieren im öffentlichen Raum: Suchen Sie besondere Orte / Gedächtnisorte / Erinnerungsorte auf. Unternehmen Sie und bieten Sie an Spaziergänge oder Radtouren in die lokale Kirchengeschichte. Das ist nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern gut möglich (Kirche, Friedhof, Kindergarten, Krieger-Denkmal, Orte früherer Gebäude etc.) – solche Touren sind möglich als Einzelaktionen, aber auch im Rahmen von Mitarbeiter- oder Gemeindefesten.
