Thesen zur Unionsgründung und heute

 

Orientierungen zur Gestaltung des Unionsjubiläums der Badischen Landeskirche 2021

Der 200. Geburtstag der Badischen Landeskirche in ihren heutigen Grenzen ist die Frucht Jahrzehnte währender obrigkeitlich-administrativer, unter dem Eindruck des Reformationsjubiläums 1817 auch bürgerlich-partizipatorischer und nicht zuletzt theologischer Initiativen.

Gefeiert wird der Geburtstag einer Kirche, die nicht zufällig eine Unionskirche ist, sondern deren Lehre, Verfassung und gemeindliches Leben auf einem Konsens gründen, der bis heute Bestand und sich bewährt hat.

Gefeiert wird zur Vergewisserung eines geschichtlichen Ereignisses und zur Vergegenwärtigung der damals beschrittenen Problemkreise: insbesondere des Verständnisses der Bibel, der angemessenen Gestalt der Kirche und ihrer Ökumenizität.

Daraus ergeben sich für die Gestaltung des Jubiläums Aufgaben unter der Leitfrage:

Wie können wir als Kirche aus unserer Vergangenheit Kraft, Orientierung und Perspektive für die Zukunft gewinnen?

 

These 1: Gemeinschaft

Wir feiern, dass es gelungen ist, zwei konkurrierende und zeitweilig rivalisierende Kirchenmodelle und Glaubensweisen zu einer neuen und nachhaltigen Gestalt von Kirche zu verbinden.

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie kann in Kirche und Gemeinden konsensuale Gemeinschaft gestiftet werden?

 

These 2: Pluralität

Wir feiern, dass unterschiedliche Ansätze bleibend Berücksichtigung gefunden haben und dass eine sichtbare, zeitgemäße und zukunftsfähige Gestalt der Kirche gewonnen wurde.

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie kann die theologisch legitime Vielgestaltigkeit evangelischen Glaubens mit der Notwendigkeit kirchlicher Einheit vermittelt werden?

 

These 3: Kommunikation

Wir feiern, dass in evangelischer und protestantischer Freiheit eine Verständigung im Bekenntnis zu Jesus Christus, zur Gemeinsamkeit im Abendmahl und zur kommunikativen Gestalt der Kirche gewonnen wurde, die stärker [hier evtl. „geblieben“] ist als konfessionelle Enge und Rechthaberei.

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie können die großen Themen des evangelischen Glaubens kommunikativ in die „Kleinen Münzen des Alltags“ christlich-menschlicher Existenz gewechselt werden?

 

These 4: Der angefochtene Glaube[n]

Wir feiern, dass auch und gerade ein angefochtener und unfertiger Glaube [sic!] durch Gottes Verheißung eine Kraft entfaltet, die zu großen Veränderungen führen kann.

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie finden wir zu einem elementaren, verantwortungsfähigen und innovativen Glaube[n]?

 

These 5: Vertrauensvorschuss

Wir feiern, dass kirchliche Gemeinschaft nicht davon abhängt, dass alle theologisch wie kirchenpraktisch umstrittenen Fragen und Kontroversen mit letzter Sicherheit geklärt sind.

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie können wir diese im Glauben gewonnene Überzeugung eines vorlaufenden Vertrauens konstruktiv in unsere ökumenischen Beziehungen einbringen?

 

These 6: Ökumenische Offenheit

Wir feiern, dass der Weg der Kirche zur Union mit dem beharrlichen Blick über die Grenzen der eigenen Kirche möglich gewesen ist: „einig in sich und mit allen Christen in der Welt befreundet“ (§ 10 UU).

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie stärken wir das Miteinander mit denen, die weltweit unseren Glauben teilen? Wir stärken wir die Gemeinschaft mit Kirchen anderer theologischer, kultureller und ethnischer Prägung, die bei und mit uns leben?

 

These 7: Staat und Kirche

Wir feiern, dass Kirche und Staat zu einer dienlichen wie zukunftsfähigen Gestalt der kirchlichen Bekenntnis-und-Organisations-Struktur gefunden haben. Wir sind uns zugleich dessen bewusst, dass die Geschichte der Unionskirche in Baden auch geprägt war von der Suche nach einem angemessenen Verhältnis von Staat und Kirche nach Jahren der notwendigen Entflechtung einerseits (19. Jh.) und andererseits nach Jahren der Vereinnahmung der Kirche durch menschenverachtende Ideologien (20. Jh.).

Im Blick auf den zukünftigen Weg unserer Kirche fragen wir:

Wie kommen wir auch weiterhin zu einer konstruktiven, differenzierten Beziehung zwischen Kirche und Staat, die den Menschen dient?